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Schießerei im Osten der Ukraine:Moskau beschuldigt Kiew beschuldigt Moskau

Prorussische Milizen in Slawjansk

Ein prorussischer Milize läuft an den ausgebrannten Autos nahe der Straßensperre in Slawjansk vorbei.

(Foto: REUTERS)

Wer steckt hinter der Schießerei von Slawjansk? Klar ist bislang nur: Am Ostersonntag kam es im Osten der Ukraine zu einem Schusswechsel. Russland macht die Ultranationalisten vom "Rechten Sektor" dafür verantwortlich. Diese reagieren empört und beschuldigen Moskau. Im Internet wird "Jaroschs Visitenkarte" diskutiert.

Der Täter soll seine Visitenkarte am Tatort hinterlassen haben. Prorussische Aktivisten jedenfalls wollen eine schwarz-rote Visitenkarte in einem Auto der Angreifer gefunden haben. Sie gehöre Dimitrij Jarosch, dem Anführer der ukrainischen Ultranationalisten vom Rechten Sektor (Prawy Sektor). Aus Sicht der Aktivisten ein eindeutiger Beweis, dass ultranationalistische Paramilitärs für die Schießerei nahe der Stadt Slawjansk verantwortlich waren, bei dem am Sonntagmorgen mindestens zwei prorussische Milizionäre getötet worden waren.

Doch viele Ukrainer finden es schwierig, darin einen Beweis für den Urheber des Schusswechsels in der ostukrainischen Stadt Slawjansk zu sehen. Binnen Stunden wurde die Visitenkarte im Internet zum Gegenstand des Spotts. Schnell tauchten Fotomontagen mit der Karte auf, etwa bei Twitter unter dem Hashtag "Jaroschs Visitenkarte". Auf einer ist etwa Bundeskanzlerin Angela Merkel zu sehen. Sie deutet auf die Karte, die aus der oberen Tasche des russischen Präsidenten Wladimir Putin lugt.

Auch Milla Jovovic und Bruce Willis aus dem Film "Das fünfte Element" weisen sich mit der Karte aus.

Der US-Fernsehsender CNN hat die auf der Visitenkarte angegebene Nummer angerufen - und erreichte aber nur eine überraschte Frau, die versicherte, mit Prawy Sektor nichts zu tun zu haben.

Was ist in Slowjansk passiert? Klar ist bislang nur: Es gab eine Schießerei nahe der ostukrainischen Stadt Slawjansk in der Nacht auf Sonntag. Dabei sind nach Angaben des ukrainischen Innenministeriums drei Menschen getötet worden. Drei weitere wurden verletzt und befinden sich im Krankenhaus. Unbekannte seien auf eine Straßensperre zugefahren und hätten das Feuer eröffnet. Wie viele der Angreifer getötet oder verwundet wurden, ist bisher nicht bekannt. Auch zu den Hintergünden gibt es noch keine Informationen. Russische Staatsmedien hatten zuvor fünf Tote gemeldet.

Das sagt Russland: Der Anführer des ultranationalistischen Rechten Sektors, Dmitrij Jarosch, habe sich in einem der angreifenden Fahrzeuge befunden und in der Nacht zum Sonntag auf die prorussischen Aktivisten an der Straßensperre nahe Slowjansk geschossen, behauptete der prorussische Anführer Wjatscheslaw Ponomarew, der sich selbst als "Bürgermeister" von Slawjansk bezeichnet. Die ukrainische Rechte habe die Osterruhe gebrochen.

Als weitere Beweise zeigen russische Medien Waffen und 100 US-Dollar-Scheine. Die neuen Machthaber in Kiew hätten kein Interesse, Nationalisten und Extremisten zu entwaffnen und die Lage zu entspannen, folgerte die russische Seite daraus. Ein selbsternannter prorussischer Bürgermeister bat daraufhin um Panzer aus Russland und rief eine nächtliche Ausgangssperre aus.

Das sagt die Ukraine: Der ukrainische Sicherheitsdienst (SBU) schrieb in einem Statement auf seiner Homepage, dass es sich um eine "zynische Provokation" handle, und um eine Inszenierung. Ein Mitglied des Rechten Sektors wirft der russischen Nachrichtenseite LifeNews vor, sie würde nicht wahrheitsgetreu berichten: "Sie haben noch nie die Wahrheit geschrieben", postet er auf Facebook. Ein Sprecher der Ultranantionalisten bezeichnet die Vorwürfe als "schlimmere Propaganda als in Nazi-Deutschland".

Das Innenministerium in Kiew betont, dass es keinen offiziellen Einsatz in Slawjansk gegen die bewaffneten Aktivisten gegeben habe. Vielmehr seien zwei Bürgergruppierungen aufeinander losgegangen. Wer die Angreifer waren, sei nicht bekannt. Auch die Vizesekretärin des ukrainischen Sicherheitsrats sagte der BBC, dass es verfrüht sei, jemanden für die Schießerei verantwortlich zu machen. Sie sagte, es könnten Kriminelle gewesen seien, denn "in letzter Zeit ist die Kriminalität in der Ostukraine stark angestiegen."

Das Innenministerium teilt mit, die Lage in Slowjansk sei nicht unter Kontrolle. Demnach hatten prorussische Uniformierte nach der Besetzung der örtlichen Polizeistation 400 Waffen an Bürger ausgeteilt. "Das führt zu Toten und Verletzten", heißt es in der Mitteilung des Ministeriums.

Über Teile der Milizen in der Ukraine machen sich auch die USA Gedanken. Nach Angaben der New York Times versuche US-Präsident Barack Obama zu beweisen, dass sich das russische Militär und der russische Geheimdienst in der Ukraine ausbreite. Seit zwei Wochen blockieren Milizen, die wegen ihrer Kleidung die "Grünen Männer" genannt werden, Regierungsgebäude ein. Bilder sollen eine schleichende russische Invasion beweisen. Die Regierung sammele Fotos, die beweisen sollen, dass die "grünen Männer" dem russischen Militär und Geheimdienst angehören. Sie tragen die gleiche Kleidung und die gleiche Ausrüstung, wie die Truppen, die die Krim annektierten. Einzelne Personen seien auch als russische Soldaten identifiziert worden.

Die Sprecherin des US-Außenministeriums, Jen Psaki sagt der New York Times zufolge, die internationale Gemeinschaft sei sich über die Verbindung zwischen Russland und einigen der bewaffneten Milizen inn der Ukraine einig. Die Fotos bekräftigen diese These. "Deswegen plädieren die USA weiter dafür", sagte Psaki.

Am Dienstag werde US-Vizepräsident Joe Biden dort Gespräche mit Übergangspräsident Alexander Turtschinow und Ministerpräsident Arseni Jazenjuk führen, teilt das Weiße Haus mit.

© Sueddeutsche.de/dpa/Reuters/les/hai

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