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Sachsen-Anhalt:Rechtsradikaler Angriff auf Synagoge

Ein bewaffneter Täter versucht, in ein jüdisches Gotteshaus in Halle einzudringen und tötet zwei Passanten. In einem Video äußert er antisemitische Motive. Polizei meldet Festnahme.

Tote nach Schüssen in Halle

Polizisten am Tatort in Halle an der Saale. Die Bevölkerung wurde gebeten, in ihren Häusern zu bleiben, der Zugverkehr wurde eingestellt. Kurz nach der Tat soll es zu einer weiteren Schießerei im mehrere Kilometer entfernten Landsberg gekommen sein.

(Foto: Sebastian Willnow/dpa)

Ein offenbar rechtsextremer Mann hat in Halle in Sachsen-Anhalt eine Synagoge angegriffen und, als er nicht in das Gebäude eindringen konnte, zwei Menschen auf der Straße und in einem Döner-Imbiss erschossen. Wie NDR, WDR und Süddeutsche Zeitung aus Sicherheitskreisen erfuhren, heißt der festgenommene mutmaßliche Täter Stephan B. und ist deutscher Staatsbürger. Er drehte ein Video von der Tat und lud es im Internet hoch. Es liegt den Ermittlungsbehörden vor. Das Vorgehen erinnert nach Angaben aus Sicherheitskreisen an den Täter im neuseeländischen Christchurch. Der Täter griff am höchsten jüdischen Feiertag an, dem Versöhnungsfest Jom Kippur.

Nach bisherigen Erkenntnissen handelt es sich wohl um einen Einzeltäter. Es wird allerdings weiter ermittelt. Ein rechtsextremer Hintergrund gilt inzwischen als höchstwahrscheinlich. Bundesinnenminister Horst Seehofer sagte, nach Einschätzung des Generalbundesanwalts gebe es bei dem Angreifer "ausreichend Anhaltspunkte für einen möglichen rechtsextremistischen Hintergrund". Man müsse zudem davon ausgehen, dass es sich "um einen antisemitischen Angriff handelt".

Der Täter filmte beide Angriffe und lud das Video beim Livestreaming-Dienst Twitch hoch. Kurze Zeit später löschte Twitch die Aufnahme. Dort leugnet der junge Mann mit Glatze den Holocaust und nennt Juden "die Ursache aller Probleme".

Das Video, aufgenommen von einer Helmkamera, zeigt auch die Anschläge auf Synagoge und Dönerladen. In der Synagoge hält ihn die Eingangstür auf, er flucht und erschießt kurz darauf eine Frau aus nächster Nähe. Im Dönerladen versagen seine offenbar selbstgebauten Waffen, er muss mehrmals nachladen und zurück zu seinem Auto gehen. Später gibt er Schüsse auf ein Polizeiauto ab, dabei bricht seine Ausrüstung auseinander.

In Halle spielten sich am Mittwochnachmittag dramatische Szenen ab. Eines der Opfer lag in der Nähe der Synagoge auf der Straße. Die Stadt Halle sprach zunächst von einer "Amoklage" und rief die Bevölkerung auf, in den Häusern zu bleiben. Zum Zeitpunkt der Todesschüsse war das jüdische Gotteshaus voll besetzt, wie der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde in Halle, Max Privorozki, sagte. 70 bis 80 Personen hätten sich in ihr aufgehalten. Sie konnten die Synagoge am Abend verlassen. Auch in Landsberg, etwa 15 Kilometer weiter östlich gelegen, soll es zu einem Schusswechsel gekommen sein. Die Polizei hatte vor der Festnahme des Täters gemeldet, die mutmaßlichen Täter seien mit einem Fahrzeug auf der Flucht. Der MDR berichtete unter Berufung auf Augenzeugen über einen Täter, der einen Kampfanzug und mehrere Waffen getragen habe.

Der Generalbundesanwalt in Karlsruhe hat die Ermittlungen übernommen. Regierungssprecher Steffen Seibert sagte, die Gedanken der Regierungsmitglieder gingen "an die Freunde und die Familien der Todesopfer". Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD) schrieb: "Dass am Versöhnungsfest Jom Kippur auf eine Synagoge geschossen wird, trifft uns ins Herz." Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) brach eine Dienstreise ab. Er verurteilte die "verabscheuungswürdige Tat".

© SZ vom 10.10.2019 / SZ

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