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Russland:Klima des Terrors

Ein Aktivist von Pussy Riot ist offenbar vergiftet worden. Steckt der Staat dahinter? In jedem Fall häufen sich Angriffe auf Kritiker des Präsidenten Putin. Die Sicherheitskräfte äußern immer unverhohlener ihre Gewaltfantasien.

Manchmal tue es ihm leid, "dass wir jetzt nicht 1937 haben". Ein Polizist hat diesen Satz zu Pjotr Wersilow gesagt, nachdem dieser gemeinsam mit drei Aktivistinnen von Pussy Riot beim Endspiel der Fußball-WM in Polizeiuniform aufs Spielfeld geflitzt war. Für wenige Sekunden wurde die politische Dimension dieses Sportereignisses sichtbar, die ansonsten nur unterschwellig mitschwang. Wer sich in Russland deshalb das Jahr 1937 zurückwünscht, wünscht sich Stalins Terror zurück, als Hunderttausende über Nacht verschwanden, in Lager gesperrt oder erschossen wurden.

Von diesen Verhältnissen ist Russland heute weit entfernt. Es gibt kritische Medien und Regimegegner, die den Kreml offen herausfordern. Aber immer wieder dringen in jüngster Zeit Gewaltfantasien von Angehörigen der Sicherheitskräfte an die Oberfläche. Zuletzt war es der Chef der Nationalgarde, der in einem Video davon sprach, dass der Oppositionspolitiker Alexej Nawalny mal richtig verdroschen werden müsste und wie gern er ihn in "ein saftiges Schnitzel verwandeln" würde.

Wersilow ist nicht der erste Kritiker, der mit einer schweren Vergiftung im Ausland behandelt werden muss. Ob dahinter der Staat steckt oder Akteure, die glauben, solche Angriffe seien erwünscht und würden nicht verfolgt - beides schürt ein Klima des Terrors.

© SZ vom 19.09.2018
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