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Russland:Bedenken zum Gedenken

Moskaus Gästeliste für den Siegestag am 9. Mai ist ein Politikum - auffällig ist vor allem, dass die Alliierten fehlen.

Am Montag konnte wieder ein Gast auf der Haben-Seite verbucht werden, noch dazu einer von Bedeutung: UN-Generalsekretär Ban Ki Moon bestätigte seine Teilnahme an der großen Parade zum 70. Jahrestag des Sieges über Hitler-Deutschland. Die Ukraine hatte die Pläne kritisiert, und Alexej Puschkow, Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses in der russischen Staatsduma triumphierte auf Twitter: "Der UN-Generalsekretär wird am 9. Mai in Moskau sein. Die Meinung des ukrainischen Außenministers zählt für ihn nicht. Kiew sollte endlich verstehen: Russland kann man nicht isolieren."

Das Statement gibt einen Eindruck davon, wie sehr die Gästeliste für die Parade am Siegestag zum Politikum geworden ist. Um Gedenken an das Kriegsende geht es kaum noch. Stattdessen wird das Kräfteverhältnis in einem aktuellen Streit gemessen: in dem um die Ukraine. Wer steht in dem Konflikt, den russische Staatsmedien als Auflehnung gegen die Hegemonie der USA beschreiben, an Moskaus Seite?

Seit Wochen vermeldet das Fernsehen jede Zusage als kleinen Sieg. Nach offizieller Lesart haben mittlerweile 30 Staats- und Regierungschefs sowie Vorsitzende internationaler Organisationen ihr Kommen bestätigt. Um wen es sich dabei handelt, wird indes meist verschwiegen. Es sind unter anderem die Präsidenten der international nicht anerkannten Pseudo-Staaten Abchasien und Südossetien, die Präsidenten der Ex-Sowjetrepubliken Armenien, Aserbaidschan, Turkmenistan, Tadschikistan, Usbekistan und Kasachstan. Die Staatschefs von Indien, Vietnam und Ägypten kommen und auch der Premier von Island.

Nur die einstigen Alliierten, mit denen gemeinsam die Rote Armee die deutsche Wehrmacht besiegte, werden nicht vertreten sein. Das war beim bisher letzten runden Jahrestag noch anders, als unter anderem US-Präsident George W. Bush und der französische Präsident Jacques Chirac, aber auch Bundeskanzler Gerhard Schröder nach Moskau kamen. Noch 2010 saß Angela Merkel neben Putin auf der Tribüne. Doch seit der Annexion der Krim haben die Zeiten sich geändert.

Außenminister Steinmeier nimmt an einer Veranstaltung im ehemaligen Stalingrad teil

Außenminister Sergej Lawrow bemühte sich, die Absagen herunterzuspielen. Der eine oder andere habe "aus ideologischen Überlegungen abgesagt", sagte er im russischen Fernsehen. Es werde versucht, "diesen heiligen Tag zu missbrauchen, um Russland zu isolieren". Als einziger Staatschef eines EU-Landes hat Tschechiens Präsident Miloš Zeman seinen Besuch angekündigt - allerdings nur, um einen Kranz niederzulegen. Während der Parade trifft er den Regierungschef seines Nachbarlandes Slowakei.

Die deutsche Bundeskanzlerin hat einen noch größeren Abstand zur Waffenschau gewählt: Sie wird am 10. Mai gemeinsam mit Putin das Grabmal des Unbekannten Soldaten besuchen und danach mit dem russischen Präsidenten zu Mittag essen. Ein Bericht der Kreml-treuen Zeitung Iswestija, wonach Merkel auch ein Treffen mit Vertretern der russischen Opposition plane, wurde am Dienstag von allen Seiten dementiert. Laut Protokoll wird die Kanzlerin schon am Nachmittag wieder in Berlin erwartet.

Die Bundesregierung bemüht sich, Kritik an der jüngsten militärischen Aggression Russlands und das Gedenken an die Weltkriegsopfer zu trennen. An diesem Donnerstag nimmt Außenminister Frank-Walter Steinmeier an einer Gedenkveranstaltung in Wolgograd teil, dem ehemaligen Stalingrad. Bereits am Montag hatte Gernot Erler (SPD), Beauftragter der Bundesregierung für Russland und Osteuropa, in Minsk der Opfer der NS-Besatzung gedacht.

© SZ vom 06.05.2015
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