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Rohstoffe:Ein Auge auf die Arktis

Die EU hat gegen Mächte wie Kanada und Russland keine Chance beim Rennen um Öl und Gas. Sie will eher einen "weichen Fußabdruck im Schnee" hinterlassen - und wenigstens die Umwelt schützen. Das ist jedenfalls ihre neue Strategie.

Von Thomas Kirchner, Brüssel

Die Arktis gilt als unerschlossene Weltgegend mit großem Potenzial. Die höheren Temperaturen lassen das Eis an den Polen schmelzen, was der Schifffahrt neue Verkehrswege eröffnet und den Abbau von Rohstoffen an bisher unzugänglichen Stellen ermöglicht. Alle direkten Anrainer, vor allem große Spieler wie Kanada und Russland, haben ihre arktischen Interessen in den vergangenen Jahren verstärkt geltend gemacht. Weil das mit dem Willen verbunden wird, sie notfalls robust durchzusetzen, befürchten Beobachter, die bisher gut funktionierende internationale Zusammenarbeit in arktischen Fragen könnte Schaden nehmen.

Auch die Europäische Union, der einige Arktis-Staaten angehören, möchte zeigen, dass sie die Region genau im Auge behält. Dafür stellte die EU-Kommission am Mittwoch ihren Vorschlag für eine erneuerte Arktis-Strategie vor. Sie fußt auf Bestehendem, das ergänzt und neu fokussiert wird. Nicht zuletzt mangels Möglichkeit hebt die EU weniger auf das Rennen um Öl und Gas oder die Markierung von Gebietsansprüchen ab, sondern auf eine nachhaltige und möglichst friedliche Entwicklung der Region. Die EU wolle einen "weichen Fußabdruck in den arktischen Schnee setzen", sagte der für Umwelt und Fischerei zuständige EU-Kommissar Karmenu Vella.

Im Vordergrund stehen daher Umweltfragen. Es sei viel Arbeit und vor allem Zusammenarbeit nötig, um das Arktische Meer angesichts des Klimawandels und zunehmender menschlicher Eingriffe zu schützen. Schon jetzt erwärme sich die Arktis doppelt so schnell wie der Rest der Erde, ein Prozess, der durch die aus dem Permafrost freigesetzten Emissionen noch beschleunigt wird.

Auch die Ureinwohner haben ein Mitspracherecht. Einige von ihnen sind über Brüssel verärgert

Einen zweiten Schwerpunkt will die EU auf eine nachhaltige Bewirtschaftung der Ressourcen und die Rechte der Ureinwohner legen. Daneben machte die EU-Außenbeauftrage Federica Mogherini deutlich, dass ihr die geopolitische Bedeutung der Arktis bewusst ist: "Sie ist der einzige Ort, an dem drei Kontinente und mehrere große Mächte aufeinandertreffen. Sie ist aber auch ein gutes Beispiel für konstruktive regionale und internationale Kooperation."

Das wichtigste Forum für diese Zusammenarbeit ist der Arktische Rat, zu dessen acht stimmberechtigten Mitgliedern mit Dänemark, Schweden und Finnland auch drei EU-Staaten gehören. Auch die Ureinwohner der Polargegend haben ein Mitspracherecht. Bei manchen von ihnen ist die EU nicht wohlgelitten, weil die Europäer ein Importverbot für Seehund-Erzeugnisse verhängt haben. Aus diesem Grund hat sich Kanada viele Jahre lang dagegen gestemmt, der EU einen Beobachterstatus zu gewähren, wie ihn Deutschland, aber auch China oder Indien innehaben.

Nachdem dieser Disput ausgeräumt ist, blockiert nun Russland die Europäer. Zu deren Sanktionen zählt unter anderem das Verbot, Technik zur Ausbeutung von Öl und Gas an den östlichen Nachbarn zu liefern. Die Arktis biete neben großem Potenzial eben auch einige "kritische Herausforderungen", sagte Mogherini. Es liege im Interesse der EU, sich mit allen Akteuren enger zu verbinden, dazu zähle auch Russland.

© SZ vom 28.04.2016

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