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Rheinland-Pfalz:Gesucht, gefunden

Um die Partei auch für Außenstehende zu öffnen, startet der SPD-Kreisverband Bitburg-Prüm ein zunächst riskantes Unterfangen: Er sucht seinen Bundestagskandidaten per Annonce. Und wird am Ende fündig. Ein Modell auch für andere Kreisverbände?

Von Susanne Höll

Als der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel mit einer Parteireform 2011 Schwung in den ermüdeten sozialdemokratischen Laden bringen wollte, hatte er nicht an den Kreisverband Bitburg-Prüm gedacht. Kein Wunder, denn die Region ist tiefschwarz, die Roten konnten dort seit Jahrzehnten nicht mehr punkten. Inzwischen hat sich aber eine Menge getan.

Der Kreisvorsitzende Nico Steinbach feierte bei der rheinland-pfälzischen Landtagswahl einen Triumph: Er schnappte dem hoch umstrittenen, dennoch als schier unbesiegbar geltenden langjährigen CDU-Abgeordneten Michael Billen das Direktmandat weg. Und nun hat eben dieser Steinbach, ein 32 Jahre alter Bankkaufmann, einen zweiten Coup gelandet.

Auf seine Initiative hin beschloss der Kreisverband im Sommer, dass die Partei belebt werden müsse. Für die Bundestagswahl 2017 gab es keinen gesetzten Kandidaten und das Interesse an der Aufgabe hielt sich in Grenzen. Also gaben die Genossen in der Eifel eine Stellenanzeige auf: Bundestagskandidat gesucht. Motiviert, aufgeschlossen und politisch interessiert solle er sein, stand- und kritikfest. Eine Parteimitgliedschaft war keine Bedingung, wohl aber der Wille, sich mit den Werten der Sozialdemokratie zu identifizieren.

In Mainz und anderswo beobachteten SPD-Vertreter das Treiben in Bitburg-Prüm nicht nur mit Freude. Der eine oder andere fragte sich, was diese Aktion solle. Ein PR-Gag? Verrat innerparteilicher Grundsätze? Alles falsch. Es sei darumgegangen, die Partei zu öffnen, sagt Steinbach. Ein durchaus riskantes Unterfangen.

Die Blamage blieb aus, die Aktion wurde ein Erfolg. Die Eifel-SPD war im Gespräch, bundesweit wurde über die Anzeige berichtet. 118 Interessierte meldeten sich, die Zahl der Spaßbewerbungen war gering. Nach einem langen Auswahlprozess kamen drei Bewerber in die Endrunde, das letzte Wort hatten die Kreisdelegierten am Freitagabend. Sie entschieden sich klar für einen Mann aus der Eifel, wenngleich aus dem nordrhein-westfälischen Teil. Der 32 Jahre alte Jan Pauls aus Aachen, Ex-Bundeswehroffizier und Maschinenbauer, soll 2017 antreten.

Ein Modell auch für andere Kreisverbände?

Pauls freut sich, er sucht eine Wohnung in Prüm. Und Steinbach ist auch zufrieden. Als Modell für andere Wahlkreise will er den Kandidaten-Contest aber nicht empfehlen. Es komme immer auf die örtlichen Umstände an, sagt er, und verweist auf das mühsame Auswahlverfahren: "Das kann man nicht alle vier Jahre machen."

Dem Polit- und SPD-Neuling Pauls stehen arbeitsame Wahlkampfmonate bevor. Auf einen sicheren Listenplatz kann er nicht hoffen. Auch sind die Chancen auf das Direktmandat gering, das hat hier noch kein Sozialdemokrat geholt. Pauls sagt, er steht auch für die übernächste Bundestagswahl zur Verfügung, falls es im Herbst nicht klappe und die Kreis-SPD ihm weiter Vertrauen schenke. Aber auch ein Wunder hält er für möglich. "Steinbach hat im Frühjahr auch gesiegt", erinnert Pauls an die Landtagswahl.

© SZ vom 28.11.2016

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