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Religionsfreiheit:Zumutungen für alle

Angela Merkels Rede zur Religionsfreiheit war bemerkenswert, denn sie sprach auch von den Zumutungen.

Von Matthias Drobinski

Angela Merkel hat eine bemerkenswerte Rede zur Religionsfreiheit gehalten. Sie ist nicht bemerkenswert, weil die Kanzlerin dort noch nie Gehörtes zum Vortrag gebracht hätte. Merkel hat nüchtern zusammengefasst, warum es für den inneren Frieden im Land wichtig ist, wie es der Staat und die Politik mit dem Glauben, Unglauben und Andersglauben der Bürger halten.

Religionsfreiheit heißt, das Befremdende zu ertragen, ertragen zu lernen. Merkel hat klargemacht, dass die Vollverschleierung von Frauen ein Integrationshindernis ist - und sie es trotzdem um der Freiheit des Glaubens willen erträgt, dass diese Verschleierung nicht generell verboten wird. Das Befremden, das wiederum die Religionsfreiheit für viele neu ins Land gekommene Muslime bereithält, lautet: Es gibt hier die Freiheit, die Religion zu wechseln, nichts zu glauben, Nein zu religiösen Vorschriften zu sagen, selbst wenn es die eigene Tochter tut oder der eigene Sohn.

Die Religionsfreiheit hält Zumutungen für alle bereit - die freie und plurale Gesellschaft gibt es aber nicht zumutungsfrei. Der französische Laizismus hat versucht, einen bekenntnisfreien staatlichen Raum zu schaffen; es ist nicht gelungen. Besser ist es, wenn Staat und Politik religiös diskurs- und damit auch konfliktfähig bleiben. Und wenn sie jene Christen, Juden, Muslime, Humanisten als Verbündete sehen, die wissen: Die Glaubensfreiheit ist immer die Freiheit des anderen.

© SZ vom 16.09.2016

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