Reise nach Lund Gruppenbild mit Papst

Franziskus über das, was Christen trennt – und eint

"Die Trennungslinie verläuft nämlich zwischen jenen Schlechten, die nur für sich selbst leben, und jenen, die den anderen dienen."

Am Reformationstag wird Franziskus den Gründungsort des Lutherischen Weltbundes in Schweden besuchen - allein das ist eine symbolträchtige Geste.

Von Matthias Drobinski

Verglichen mit anderen Touren ist die 17. Auslandsreise von Papst Franziskus eine Art erweiterter Ausflug. Um 8.20 Uhr fliegt er am 31. Oktober in Rom los, kurz nach elf Uhr trifft er im schwedischen Lund Ministerpräsident Stefan Löfven, danach die Königsfamilie. Es folgt ein ökumenischer Gottesdienst mit 600 Gläubigen. Dann geht es im Kleinbus zur ökumenischen Begegnung im Malmö-Stadion, zum Gruppenbild mit Papst vor 10 000 Menschen sozusagen. Am nächsten Morgen folgt eine Messe vor 18 000 Katholiken - geradezu intime Gruppen, wenn man bedenkt, dass zu Papstmessen auch mal eine Million Menschen kommen. Um 15.30 Uhr an Allerheiligen will der Papst schon wieder in Rom sein.

Trotzdem ist die Reise bereits historisch, noch bevor die Papstmaschine aufgetankt ist. In Lund wurde 1947 der Lutherische Weltbund gegründet. Der sitzt heute zwar in Genf, Lund aber hat als Gründungsort ihrer Weltkirche symbolische Bedeutung für die 72 Millionen Lutheraner in 98 Ländern. Und hierhin kommt der Papst, 499 Jahre, nachdem Martin Luther in Wittenberg seine Thesen zum Ablasshandel veröffentlicht hat, zum Auftakt des Reformationsjahres. Er kommt, um mit den Nachfolgern Luthers zu beten, an der Seite von Mounib Younan, dem Präsidenten des Lutherischen Weltbundes, und der deutschstämmigen schwedischen Erzbischöfin Antje Jackelén. Das hat es so noch nicht gegeben, seitdem ein Papst den aufmüpfigen Doktor aus Wittenberg mit dem Kirchenbann belegte und der Reformator den Papst als Antichrist beschimpfte.

Die Vorbereitungen der Reise seien schwierig gewesen, heißt es - Ökumene auf höchster Ebene ist eine Sache der Verhandlungskunst. Die Erwartungen an die Reise sind hoch. Wer wird in Südschweden am Reformationstag wie auf wen zugehen? Jeder Schritt, jede Geste kann als Zeichen gedeutet oder missverstanden werden. Vor einem Jahr besuchte Franziskus die deutsche evangelisch-lutherische Gemeinde in Rom. Er schenkte ihr einen Abendmahlskelch, und als später das Gespräch in der Gemeinde darauf kam, dass es immer noch kein gemeinsames Abendmahl der Christen gebe, da sagte Franziskus: Jeder müsse seine eigene Antwort finden; die Gläubigen sollten mit Gott sprechen und dann entsprechend handeln. Diese Worte elektrisierten die vatikanischen Auguren. Wird Franziskus in Lund sogar das gemeinsame Abendmahl erlauben?

Bislang ist aus katholischer Sicht die Teilnahme von Katholiken am evangelischen Abendmahl verboten; evangelische Christen können nur in seltenen Ausnahmen zur Kommunion zugelassen werden. Aus Sicht der katholischen Kirche sind evangelische Pfarrer nicht gültig geweiht, das evangelische Abendmahl ist streng genommen eine Art fromme Simulation in bester Absicht, von der Katholiken sich aber fernzuhalten haben.

Dass dies vor allem dann schmerzhaft ist, wenn katholische und evangelische Christen gemeinsam Gottesdienst feiern, erlebte gerade erst eine Delegation der evangelischen Kirche und der deutschen Bischofskonferenz, die gemeinsam durchs Heilige Land pilgerte. Abends in der Kirche war immer die Hälfte der Teilnehmer ausgeschlossen. Dabei schien vor 17 Jahren der Weg für eine weitere Annäherung in dieser Streitfrage offen zu sein. Damals, 1999, hatten Papst und Lutherischer Weltbund den jahrhundertealten Streit über die Rechtfertigungslehre beigelegt, mit einer großen Feier am Reformationstag in Augsburg, bei Weihrauch und Posaunenklang. Papst und Weltbund erklärten, dass sie weiter ein unterschiedliches Kirchenverständnis hätten, dass sie dies aber nicht mehr trenne bei der Frage, ob nun die Gnade Gottes allein oder auch gute Werke die Menschen in den Himmel brächten. Viele ökumenebewegte Christen hofften, dass ein solcher "differenzierter Konsens" bald auch in anderen Fragen möglich sein würde - zum Beispiel bei der gegenseitigen Einladung zu Eucharistie und Abendmahl.

Diese Hoffnung bremste Joseph Ratzinger 2001 jäh. Damals noch Kardinal und Präfekt der Glaubenskongregation, schrieb er in dem Dokument "Dominus Jesus", die Gemeinschaften der Reformation seien keine "Kirchen im eigentlichen Sinne"; das Wort "Geschwisterkirchen" sei zu meiden. Die Kirchen der Reformation fühlten sich arg vors Schienbein getreten. Es begann eine Phase der gegenseitigen Nickligkeiten. In Deutschland sprach Wolfgang Huber, der damalige Berliner Bischof und Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, von der "Ökumene der Profile" in Abgrenzung zu den Katholiken; ein Element dieser Profilierung war auch, dass er 2007 eine Luther-Dekade ausrief, an deren Ende die große Reformationsfeier 2016 bis 2017 stehen sollte. 2011 wiederum bereiste Joseph Ratzinger als Papst Benedikt XVI. Deutschland und sagte in Erfurt den evangelischen Mitchristen, er habe ihnen keine ökumenischen Gastgeschenke mitgebracht - wie empathisch er über Martin Luther redete, ging in Enttäuschung und schlechter Laune unter.

Nun könnte ausgerechnet das Reformationsjahr dem Miteinander der Kirchen neuen Schwung geben. Noch nie haben Protestanten und Katholiken das Gedenken an die Veröffentlichung von Luthers 95 Thesen zum Ablasshandel samt ihrer weltgeschichtlichen Folgen in so enger Abstimmung gefeiert, einen Bußgottesdienst zum Gedenken an das jeweils dem anderen angetane Unrecht eingeschlossen. Und noch nie ist ein Papst aus diesem Anlass zu den Lutheranern gepilgert, um mit ihnen zu beten, von Gleich zu Gleich.

Trotzdem wird Franziskus aller Wahrscheinlichkeit nach in Lund nicht einfach verkünden, dass künftig die evangelischen Christen zur katholischen Eucharistie eingeladen sind - und die Katholiken getrost zum evangelischen Abendmahl gehen sollen. In seiner Amtszeit hat der Papst aus Argentinien bisher zwar einiges in seiner Kirche geöffnet, angestoßen und durcheinandergewirbelt, ist dabei aber immer im Rahmen der gesicherten katholischen Lehre geblieben, ob bei den Geschiedenen, die wieder geheiratet haben, den Frauen in der Kirche, den Homosexuellen.

Franziskus will nicht autoritär im Alleingang die katholische Lehre ändern. Und er weiß, dass er die Konservativen in der Kurie nicht zu sehr verärgern darf. Denen ist ohnehin nicht geheuer, was der Papst da in Lund tut. Sind die Lutheraner nicht nur einer von mehreren evangelischen Bünden? Und ist ihr Präsident, Mounib Younan, der ein paar Tausend lutherische Christen in Israel, Palästina und Jordanien vertritt, nicht eher ein besserer Stadtpfarrer, dem die Sache der palästinensischen Christen näher liegt als die weltweite Ökumene?

So wird es auf die Gesten und Formulierungen beim großen Fest in Lund ankommen. Sicher werden Franziskus wie Weltbund-Präsident Younan betonen, was sie verbindet: die gemeinsame Taufe, das Engagement in der Welt für die Armen - und das Blut der ermordeten Christen in der Gegenwart. Dem IS sind christliche Konfessionsunterscheide egal.

Vielleicht wiederholt Franziskus dann vor den Kameras aller Welt, was er im kleinen Kreis in Rom den evangelischen Glaubensgeschwistern zur Abendmahlsfrage gesagt hat: Prüft euer Gewissen, hatte der Papst gesagt, und entscheidet dann. Für die katholische Kirche wäre selbst das ein großer Schritt.