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Reise des Schriftstellers Petros Markaris:Mit der Einführung des Euro Werte vernachlässigt

Wir haben mit der Einführung des Euro diese Werte vernachlässigt und Europa mit dem Euro identifiziert. Und jetzt, mit der Rettungsaktion für den Euro, werfen wir die gemeinsamen Werte, die Diversität der europäischen Geschichte, die verschiedenen Kulturen und Traditionen als Ballast über Bord. Europa hat viel in die Wirtschaft investiert, aber zu wenig in die Kultur und die gemeinsamen Werte. Das Schengen-Abkommen hat zwar die Grenzen zwischen den Staaten aufgehoben, aber was kennt die große Mehrheit der Europäer schon von Italien, außer der Toskana, von Spanien, außer Mallorca, oder von Griechenland, außer Kreta und den Kykladen?

Jetzt, in den Zeiten der Krise, merkt man, wie sehr das Verständnis für die kulturelle Diversität fehlt. Die Griechen hatten in den Zeiten des europäischen Wachstums ein enges Verhältnis zu den Deutschen. Jetzt sind sie empört, weil die Deutschen sie mit Arroganz behandeln. Und die Deutschen sind ihrerseits gekränkt, weil sie ihre griechischen Freunde in der letzten Zeit so kühl grüßen und auf Distanz gehen. Weil ich seit langen Jahren als eine Art Vermittler zwischen Deutschen und Griechen gelte, bekomme ich das Klagelied von beiden Seiten zu hören. Sowohl die Deutschen als auch die Griechen haben recht, nur kann man es ihnen schwer erklären, weil auf beiden Seiten das Verständnis für die kulturelle Basis des Anderen fehlt. Das lässt den Raum für Vorurteile und Ressentiments offen. Man irrt sich, wenn man glaubt, dass die Krise in Europa nur eine finanzielle ist. Wir erleben auch eine Krise der europäischen Werte. Die finanzielle Krise hat dazu beigetragen, dass wir sie wahrnehmen können.

Brüssel ist nicht so wichtig wie andere Städte

In den offiziellen Kontakten in Brüssel wird das verschwiegen oder hinter den guten Umgangsformen versteckt, aber in privaten Gesprächen tritt es offen hervor. Statt wegen der Krise zusammenzurücken, entfernen sich die verschiedenen Kulturen voneinander. Brüssel ist der Ort, wo man dieses Versagen aus der Nähe betrachten kann. Worüber redet man in Brüssel? Über die Krise natürlich. In der Kommission und im Parlament, in den Cafés und Restaurants, überall hat die Krise das letzte Wort, wobei die Stimmung immer wechselt.

Es gibt ja auch fast jeden zweiten Tag eine neue Meinung oder ein neues Statement, von Olli Rehn oder von Mario Draghi oder irgendeinem anderen hohen europäischen Funktionär, wobei die Parole, zumindest nach außen hin, lautet: "Wir schaffen es schon." Diese Zuversicht wirkt gespielt. Denn es passiert fast immer etwas, und die gute Stimmung kippt. Zuletzt war es die Herabstufung der Bonität Frankreichs und anderer EU-Staaten. Nach jeder schlechten Nachricht machen sich die Politiker und die Kommission daran, neue Pläne zu schmieden oder die alten zu revidieren. Dazu passt die erste Strophe eines Lieds aus Brechts "Dreigroschenoper": "Ja, mach doch einen Plan / Sei nur ein großes Licht / Dann mach noch einen zweiten Plan / Geh'n tun sie beide nicht."

Brüssel ist nicht so wichtig wie Berlin, Paris oder London. Nicht, weil es keine europäische Großstadt wäre, sondern vor allem, weil die deutschen, französischen und englischen Politiker ihre Metropolen wichtiger nehmen als Brüssel. Brüssel ist aber unser Spiegelbild. Wir sollten es genauer betrachten. Aber ohne Schminke, bitte.

© SZ vom 26.01.2012
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