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Reichtum:Das Geld der anderen

Nicht nur Olaf Scholz, sondern die meisten Menschen empfinden sich nicht als reich. Es herrscht heute eine völlig verzerrte Vorstellung davon, was Reichtum ist. Und das erschwert Umverteilungspolitik für eine Gesellschaft, in der die Gerechtigkeit so wichtig ist wie der Wohlstand.

Von Meredith Haaf

Das Gefühl, nicht reich zu sein, kennen die meisten Menschen in diesem wohlhabenden Land, nicht nur Olaf Scholz. Das Erstaunen und der Spott über seine Einschätzung, mit einem fünfstelligen Monatsgehalt nur "ganz gut" zu verdienen, ist so berechtigt wie erwartbar. Ein Finanzminister und SPD-Kanzlerkandidat sollte die objektiven Maßstäbe für Reichtum kennen und auch auf sich anwenden, was Scholz zumindest mit einer nachgeschobenen Erklärung noch versuchte ("gehöre zu den Sehr-gut-Verdienern").

Soziologische Studien zeigen, dass selbst eindeutig Reiche weltweit dazu neigen, sich ins ungünstige Verhältnis zu Noch-Reicheren zu setzen. Irgendwer hat immer einen Privatjet mehr oder eine größere Insel. In Deutschland wiederum passt der objektive Maßstab, nach dem jemand zur oberen Mittelschicht und damit zu den reichsten zehn Prozent gehört, nicht ganz zu dem, was heute unter "reich sein" läuft. Dafür gibt es drei wichtige Gründe. Erstens geht die Schere zwischen Reichen, sehr Reichen und Superreichen immer weiter auf. Seit dem vergangenen Jahr ist das Vermögen der 120 deutschen Superreichen um 100 Milliarden Euro gewachsen. Noch von einer "Schere" zwischen ihnen und der gesellschaftlichen Mitte oder den armutsgefährdeten 15 Prozent der Deutschen zu sprechen, erfordert eine fantastische Scherenvorstellung.

Zudem bewirken wirtschaftliche Realitäten wie steigende Mieten und Lebenshaltungskosten, dass es mittlerweile fast ein Ausweis von Reichtum ist, sich in einer der größeren Städte Wohnraum leisten zu können. Für jene, die das Geld dafür nur durch Arbeit verdienen, ohne Aussicht auf ein Erbe oder Immobilien in der Familie, aber ihr Einkommen genauso versteuern müssen und dabei noch fürs Alter vorsorgen, hat das wenig mit Sorglosigkeit und nur relativ mit Überfluss zu tun.

Zu Recht werden nun Hauseigentümer einwenden, dass auch sie sich nicht alles leisten können. Aber die Idee, Reichtum bedeute, sich immer alles leisten zu können, ist eben völlig verzerrt. Sie hat mit einem Leben zu tun, in dem Menschen immer weniger Kontakt zu anderen haben, die deutlich weniger oder mehr haben als sie selbst; genauso wie mit einem Alltag, in dem Konsum immer neuer Moden und Erlebnisse eine immense Rolle spielt. Und nicht zuletzt: Medien wie Filme oder Instagram erzeugen die Vorstellung, dass alles unter einer Yacht und drei Domizilen halt normal ist.

Dieser Verzerrungseffekt dient einerseits denen, die all das haben. Er schottet Superreiche wie Jeff Bezos, Bill Gates oder die Familie Quandt in einer luxusmythischen Parallelzone ab, in der sie mit der Gesellschaft nicht mehr viel zu tun haben. Allein der Gedanke, sie im Sinne des Gemeinwohls finanziell zur Verantwortung zu ziehen, wie es der Linken-Politiker Dietmar Bartsch mit einer einmaligen Vermögensabgabe vorschlägt, klingt da fast so abenteuerlich wie die Vorstellung, mit Außerirdischen zu telefonieren. Zudem polstert die Vorstellung, reich seien stets die anderen, auch das Selbstbild derjenigen, die "nur" mehr als genug haben, sich aber trotzdem immer nach unten absichern wollen. Das ist ein Hohn gegenüber der großen Mehrheit, die kein Eigentum und wenig Sicherheit hat. Eine Gesellschaft, die nicht nur wohlhabend, sondern auch gerecht sein will, muss damit aufräumen.

© SZ vom 10.10.2020
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