Rechercheprojekt Kunstjagd:So dicht dran wie nie zuvor

Kunstjagd

Große Ähnlichkeit: Ist das letzte Gemälde das richtige?

(Foto: Follow the Money)

Die Suche nach dem im Dritten Reich verschollenen Gemälde einer jüdischen Familie geht zu Ende - noch ohne Erfolg. Aber kurz vor Schluss steht das Rechercheteam vor einem Bild, bei dem alles zu stimmen scheint.

Internationales Rechercheprojekt - Woche 6

Das Projekt #Kunstjagd, in dem das Rechercheteam von Follow the Money (FtM) versucht, ein im Dritten Reich verschollenes Gemälde einer jüdischen Familie aufzuspüren, geht in die sechste Woche. Hier berichten die FtM-Kollegen von den Stationen und Fortschritten ihrer Recherche.

Das Projekt

Im Mittelpunkt des Projekts #Kunstjagd steht die Suche nach einem verschollenen Gemälde der Familie Engelberg. SZ.de begleitet die Recherchen in einem 360°-Schwerpunkt, in dem wir über Fortschritte informieren und den historischen Hintergrund beleuchten Die #Kunstjagd ist ein Projekt des Rechercheteams "Follow the Money" (FtM) sowie der Filmproduktion Gebrüder Beetz und den Medienpartnern BR, Deutschlandradio Kultur, ORF, SRF, Der Standard, Rheinische Post und SZ.de. Mehr auf www.kunstjagd.com und www.sz.de/kunstjagd.

Wir sind zurück aus der Schweiz. Die langwierige Suche hat nur wenige Ergebnisse gebracht. Wir hatten das befürchtet, wir wussten ja, wie lange die Geschehnisse zurückliegen. Aber die ständigen Rückschläge zermürben. Am Ende sind uns nur wenige Spuren geblieben. "Heiß" nennen wir sie nicht mehr. Zum einen gibt es noch die drei Bilder Otto Theodor W. Steins, die Edward Engelberg von unserem Fahndungsplakat als mögliche Kandidaten für das verschollene Gemälde ausgewählt hatte.

Eines davon haben wir schnell ausschließen können. Es war in den 1920er Jahren offenbar im Besitz eines Schweizer Sammlers - unwahrscheinlich, dass es jemals den Engelbergs gehört hat. Das zweite, der Favorit von Edward Engelberg, ist Teil der Sammlung unseres Stein-Experten, Olaf Thormann aus Leipzig. Also ein drittes Mal nach Leipzig. Thormann klärt uns auf: Auch dieses Bild fällt beim genaueren Hinsehen aus, es sei wohl erst in den Dreißigern gemalt worden. Auch das können wir ausschließen.

Auf dem Weg zu Thormann haben wir in Reutlingen gehalten. Hier wohnt die 78-jährige Tochter von Paul Frei, des Mannes, der 1938 Kanzleichef im Schweizer Generalkonsulat in München war. Wir kennen nur ihre Adresse. Weil sie keine Telefonnummer hat, müssen wir klingeln. Uns empfängt eine agile Seniorin, die leider wenig Zeit hat. Es reicht für einige kurze Worte zu ihrem Vater, den sie als "beeindruckende Persönlichkeit" in Erinnerung hat. Und sie erzählt uns, er habe Korruption verabscheut - selbst kleine Geschenke, die er in Ausübung seines Dienstes erhalten habe, habe er wieder abgegeben. Sie hat noch sein Tagebuch. Gerne will sie uns alles zeigen, aber dazu müssen wir wiederkommen.

Doch noch ein gutes Ende?

Wir wissen, dass unsere Live-Suche nicht mehr lange dauern wird. Auch wenn die Geschichte Paul Freis es vielleicht wert ist, erzählt zu werden, glauben wir nicht, dass sie uns zu dem verschollenen Gemälde führen wird. Also zurück zur Bilderspur - ein Favorit Edward Engelbergs ist ja noch offen. Er gehört einem alten Mann in München. Auf dem Weg zu seinem Haus witzeln wir noch, wie unglaubwürdig es wäre, wenn ausgerechnet dieses Bild, so kurz vor Schluss, sich tatsächlich als das gesuchte herausstellen würde. Im Grunde sind wir alle bereit, uns eine letzte Absage einzufangen, ein letztes Ausschlussverfahren zum guten Ende zu bringen.

Doch die Situation ist völlig anders als erwartet. Wir werden - entgegen der vorherigen Verabredung - zu absoluter Diskretion verdonnert. Nur wenn wir das zusagen, werde man überhaupt mit uns sprechen. Was bleibt uns übrig als zuzustimmen? Drinnen wird die Stimmung herzlicher, der alte Herr zeigt uns das Bild, das wir nun zum ersten Mal in Farbe sehen.

Unsere erste Reaktion: Das könnte es tatsächlich sein. Es sieht dem Schwestergemälde, das die Engelbergs noch besitzen, recht ähnlich. Die Größe stimmt, das Bild ist 1917 gemalt worden - auch das passt. Der Vater des heutigen Besitzers scheint den Maler Stein geschätzt zu haben, er besaß noch einige andere Werke. Dieses Bild hat er in den 1950er Jahren in München in einer Kunsthandlung Meisl erworben, es sei "kriegsbeschädigt" gewesen und restauriert worden. Auch hier passt die Geschichte zu der Erzählung der Engelbergs, wonach Paula Engelberg das Gemälde im November 1938 von der Wand genommen, aufgerollt und aus dem Haus getragen haben soll, um damit ein Visum für die Schweiz zu bekommen.

Falsche Fährte?

Aber es gibt keine Gewissheit. Dafür das nächste Problem: Solange der Besitzer seine Anonymität wahren möchte, haben wir so gut wie keine Möglichkeit, die zeitliche Lücke zwischen 1938 und den 1950ern zu schließen. Nur ein paar Strohhalme: Es gibt eine Rahmenwerkstatt, die das Bild gerahmt hat - vielleicht gibt es noch Unterlagen? Außerdem bekommen wir die Zusage, das Bild in einigen Wochen mitnehmen und mit den Experten des Zentralinstituts für Kunstgeschichte genauer untersuchen zu dürfen. Und wir fahnden weiter nach der Kunsthandlung Meisl in München, die wir noch nicht ausfindig machen konnten.

Wir sind so dicht dran wie nie zuvor. Oder vielleicht auch auf einer völlig falschen Fährte. Edward Engelberg jedenfalls, dem wir die Fotos geschickt haben, diesmal in Farbe, hält es für möglich, ohne absolut sicher sein zu können. Sein Sohn Stephen indes schreibt: Faszinierend, die Ähnlichkeit zwischen dem Bild in München und dem in Portland sei verblüffend.

An diesem Abend wird uns klar: Es ist noch viel zu tun. Unser Roadtrip endet diese Woche - aber wir werden noch in viele Archive steigen und viele Gespräche führen müssen, um am Ende hoffentlich mehr über die Geschichte dieses Bildes zu erfahren. Wenn auch nicht live: Die Suche geht weiter.

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