Proteste Hausaufgaben

Mehrere Tausend Schüler und ihr Vorbild Greta Thunberg gehen in Hamburg zur Klima-Demo statt zur Schule - Politiker schwanken noch, ob sie dies loben oder tadeln sollen.

Von Helena Ott

Sie sind mal wieder auf der Straße statt in der Schule. Seit Monaten streiken freitags Schüler für den Klimaschutz. In Hamburg war ihnen diesmal besondere Aufmerksamkeit gewiss. Denn die schwedische Schülerin Greta Thunberg lief an der Spitze des Protestzugs durch die Innenstadt mit. Laut Veranstalter 10 000, laut Polizei 4000 Schüler beteiligten sich an den Demonstrationen der "Fridays for Future"-Bewegung, die allein in Deutschland mehr als 150 Ortsgruppen zählt.

„Wir sind wütend, weil die älteren Generationen unsere Zukunft stehlen“, sagt Greta Thunberg (mit weißer Mütze), die gerade Ferien hat, in Hamburg nach dem Demonstrationszug durch die Innenstadt.

(Foto: Morris Mac Matzen/REUTERS)

Die 16-jährige Thunberg hatte im vergangenen August damit begonnen, freitags die Schule zu schwänzen und vor dem Reichstag in Stockholm für den Klimaschutz zu demonstrieren. In Hamburg forderte sie die Menge dazu auf, so lange freitags auf die Straße zu gehen, bis "die Erwachsenen aufhören, unsere Zukunft zu zerstören".

Woraus bestehen manche Reaktionen? Aus diplomatisch-paternalistischen Gesten. Hamburgs Schulsenator Ties Rabe (SPD) fand am Freitag gleichzeitig lobende und tadelnde Worte zu dem Engagement: Er freue sich, wenn sich junge Menschen für eine bessere Welt engagierten. Dass sie das aber am letzten Schultag vor den Ferien tun, kommentierte er mit: "Nun ja..." Auf Dauer seien die Proteste während der Schulzeit "wenig überzeugend". Niemand verbessere die Welt, "indem er die Schule schwänzt". Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) sprach ähnlich. Sie sagte: "Auch unterstützenswertes Engagement gehört in die Freizeit und rechtfertigt nicht das Schulschwänzen."

Ties Rabe, Hamburgs Schulsenato

"Ich freue mich, wenn sich junge Menschen für eine bessere Welt engagieren... Doch auf Dauer wirkt es wenig überzeugend, ausgerechnet in der Schulzeit zu demonstrieren. Niemand verbessert die Welt, indem er die Schule schwänzt."

Der Protest hat die Ebene des Mit-dem-Finger-aufeinander-Zeigens noch kaum überschritten. Schüler kritisieren Politiker für ihre Lethargie, Politiker kritisieren Schüler für ihre Art des Engagements - und dies mitunter auch in alles andere als gönnerhaftem Ton: Noch am Donnerstag hatte die Hamburger Schulbehörde von Ties Rabe angekündigt, die Teilnahme an den Demonstrationen wie Schwänzen zu behandeln: Verpasste mündliche Leistungen würden mit null Punkten bewertet, und die Schüler müssten mit einem Eintrag ins Zeugnis rechnen. Eine Idee, mit den streikenden Schülern ins Gespräch kommen zu wollen, erwähnten weder der Senator noch seine Behörde. Und auf Seiten der Schüler ist man ebenfalls noch damit beschäftigt, zu klären, wer hier eigentlich seine Pflichten verletzt: "Wir machen unsere Hausaufgaben, ihr nicht", sagte Greta Thunberg unter Beifall am Freitag in Hamburg. "Wir schwänzen nicht, wir kämpfen", stand auf einem Plakat. Generation gegen Generation also. Und Umweltschützer gegen Bildungspolitiker. Immerhin, der Erste Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) kam aus dem Rathaus auf den Platz und suchte das Gespräch mit den Schülern.

Anders als die deutschen Schüler musste Greta Thunberg am Freitag übrigens nicht mit Sanktionen rechnen. In Schweden sind derzeit Ferien, weshalb sie derzeit quer durch Europa fährt, um streikende Schüler zu unterstützen. Die Streiks in Deutschland laufen nun seit mehr als zwei Monaten, in zwei Wochen ist ein weltweiter Streik geplant. "Ihr solltet stolz auf euch sein", rief Thunberg. "Wir werden weitermachen, bis sie etwas unternehmen."