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Profil :Rory Stewart

(Foto: Daniel Leal-Olivas/AFP)

Londoner Politiker auf Herbergssuche.

Rory Stewart hat ein Problem: Er muss sich für eine Wohnung entscheiden. Dieses Problem ist den meisten Londonern fremd; viele können sich das Wohnen in einer der teuersten Städte der Welt nicht leisten. Stewart aber hat die Auswahl zwischen 2000 Quartieren, und täglich werden es mehr. Der unabhängige Kandidat für das Amt des Mayor of London, des Bürgermeisters, der am 7. Mai neu gewählt wird, hatte unter dem Hashtag #ComeKipWithMe (umgangssprachlich: Komm und penn bei mir) um Einladungen von Bürgern gebeten. Er will auf ihren Sofas übernachten und sich einen Abend lang ihre Sorgen und ihre Ideen anhören.

Stewart, in Hongkong geboren und in Malaysia aufgewachsen, war nach einer Ausbildung an britischen Eliteschulen Diplomat geworden und hatte später für private Organisationen im Vorderen Orient gearbeitet. In dieser Zeit durchwanderte er Teile Afghanistans, Pakistans und Irans und schrieb darüber einen Bestseller. Wie Afghanistan, das er quasi von unten kennengelernt habe, wolle er nun auch London aus einer neuen Perspektive erleben, sagt er.

Seither wird er mit Angeboten geradezu überschüttet; im Netz hat seine Reise durch Londoner Apartments ein großes Echo ausgelöst. All das nützt seinem Versuch, sich den Bürgern in einem Wahlkampf bekannt zu machen, der vor allem von Labour-Amtsinhaber Sadiq Khan dominiert wird. Khan hält, wie er in einem Radiointerview sagte, Stewart für "gimmicky", also für chancenlos.

Gleichwohl gibt es wohl in Großbritannien derzeit kaum einen Politiker, der mit ungewöhnlichen Aktionen so viele Schlagzeilen macht, ohne überhaupt ein Amt innezuhaben. Stewart hatte nach seinen Stationen im Ausland, darunter in Indonesien, Montenegro und als Vize-Provinz-Gouverneur im besetzten Irak, erst in Harvard gelehrt, bevor er ins Parlament gewählt wurde. Der Tory war dort als Offizierssohn mit großbürgerlicher Attitüde unter seinesgleichen - und doch ein Exot: ein umfassend gebildeter Kosmopolit, der neun Sprachen spricht und in den Medien gern als "Charakter aus einem früheren Jahrhundert" oder als moderner Laurence von Arabien porträtiert wird. Stewart machte schnell Karriere, war Staatssekretär im Umwelt-, im Entwicklungshilfe- und im Justizministerium, bevor er 2019 Minister für Internationale Entwicklung wurde. Als Premierministerin Theresa May aufgab, bewarb sich auch Stewart um den Parteivorsitz. Boris Johnson würde siegen, das war früh klar, aber Stewart errang einen großen Achtungserfolg: Er durchwanderte Großbritannien, wie er einst Afghanistan durchwandert hatte, und jeder konnte ihn treffen, mit ihm reden, ein Stück mit ihm gehen. Im Netz machte er bekannt, wann er wo sein würde, und wer endlich mal mit einem Politiker aus Westminster streiten wollte, hatte hier die Chance.

"Walking Rory", so sein Slogan, kam gut an. Aber Johnson wurde Premier. Und Stewart, der gegen den Brexit gewesen war, das Ergebnis aber zähneknirschend akzeptiert hatte, stimmte im Unterhaus gegen die Regierung. Wie zwei Dutzend Kollegen auch wurde er aus der Fraktion geworfen, trat daraufhin aus der Partei aus und trat fortan als Unabhängiger auf.

Jetzt also will er Bürgermeister der Hauptstadt werden. Wer seine außenpolitische Expertise kennt, seine Texte zu Militärinterventionen und Demokratieaufbau, seine Bücher über seine Wanderungen oder seine Memoiren, der fragt sich, ob hier einer vielleicht im falschen Fachgebiet unterwegs ist. Aber Stewart ist, bei aller Nonchalance, eitel, ehrgeizig, und hat ein ausgeprägtes Sendungsbewusstsein. Er spricht über Hausbau oder Kriminalität in London mit der gleichen Intensität wie über die Taliban. Sein Kalkül dürfte sein: Selbst wenn er vermutlich nicht Mayor of London wird, so haben die Wander- und Übernachtungsaktionen doch die Grundlage gelegt für Größeres. Daran arbeitet er.

© SZ vom 17.02.2020
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