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Vorsitzende der Scottish National Party:Nicola Sturgeon, die Königsmacherin aus Schottland

First Minister for Scotland Nicola Sturgeon smiles during a campaign visit to a theme park in Motherwell, central Scotland

Nicola Sturgeon, die schottische Regierungschefin, wirbelt Großbritanniens Politik durcheinander.

(Foto: REUTERS)

Die schottische Regierungschefin wirbelt Großbritanniens Politik durcheinander. Was Nicola Sturgeon von den Chefs der großen britischen Parteien unterscheidet? Sie hat keine Angst vor den Wählern.

Was Nicola Sturgeon am deutlichsten von den Chefs der großen britischen Parteien unterscheidet: Sie hat keine Angst vor den Wählern. Wann immer die schottische Ministerpräsidentin und Vorsitzende der linksliberalen Scottish National Party (SNP) dieser Tage im Wahlkampf auftritt, posiert sie nicht nur für unzählige Selfies, sie unterhält sich auch mit den Wählern, sie hört zu, sie gibt mal einfühlsame, mal witzige Antworten. Ihre Sicherheitsleute haben sich daran gewöhnt, dass Sturgeon bisweilen minutenlang ungeschützt in Menschentrauben verschwindet. Niemand in Schottland käme übrigens auf die Idee, von "Frau Sturgeon" zu sprechen. Die SNP-Chefin ist im ganzen Land schlicht als "Nicola" bekannt.

Der Kontrast zu den Vorsitzenden der anderen Parteien könnte nicht größer sein. Diese treten zwar ebenfalls täglich auf, allerdings fast immer bei choreografierten Veranstaltungen mit Claqueuren, die mit offenkundig gespielter Begeisterung an den richtigen Stellen klatschen. Als Premierminister David Cameron kürzlich auf einem Bahnsteig warten musste, bildeten seine Helfer rasch einen schützenden Ring um ihn, damit er nur ja nicht in Kontakt mit normalen Menschen kommen würde. Sturgeon hingegen ist mit ihrer direkten, authentisch wirkenden Art zum Star dieses Wahlkampfs geworden.

Großbritannien

Enges Rennen vor der Unterhauswahl

Das letzte TV-Event vor der Unterhauswahl am 7. Mai hat der britische Premier Cameron Blitzumfragen zufolge für sich entschieden. Doch auch Labour-Chef Ed Miliband hat durchaus Chancen.

Die SNP tritt bei der Unterhaus-Wahl am kommenden Donnerstag nur in den 59 Wahlkreisen Schottlands an. Bisher konnte sie eine Handvoll Abgeordnete nach Westminster senden. Die Partei stellt zwar seit 2007 die schottische Regionalregierung, bei Wahlen zum Parlament von Westminster wählten die Schotten jedoch traditionell die Labour-Partei. Jüngsten Umfragen zufolge wird von dieser Tradition nichts übrig bleiben. Der SNP wird ein Erdrutschsieg vorhergesagt, und das hat viel mit Nicola Sturgeon zu tun.

Ein Jugendtraum der 44-Jährigen

Nachdem die Schotten im Herbst vorigen Jahres gegen die Unabhängigkeit gestimmt hatten, trat der damalige SNP-Chef Alex Salmond als Ministerpräsident und Parteichef zurück. Sturgeon übernahm beide Ämter - ein Jugendtraum der 44-Jährigen. Bereits mit 16 Jahren ist sie in die SNP eingetreten, als das nur Enthusiasten taten. Die Partei war eine Randerscheinung, eine Vereinigung von Idealisten, die für ein unabhängiges Schottland plädierten.

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Sturgeon studierte Jura in Glasgow und arbeitete als Anwältin, bevor sie sich mit Ende 20 auf die Politik konzentrierte. 2004 bewarb sie sich erstmals um den Parteivorsitz, entschied sich jedoch, ihre Bewerbung zurückzuziehen, und wurde Salmonds Stellvertreterin.

Seit sie vor einem halben Jahr zur Chefin aufstieg, hat sie in buchstäblich jeder Ecke des Landes mitreißende Reden gehalten und so dafür gesorgt, dass sich die Mitgliederzahl der SNP in kürzester Zeit auf mehr als 100 000 vervierfacht hat. In weiten Teilen Schottlands ist eine Nicola-Hysterie ausgebrochen. Das liegt nach Ansicht der meisten politischen Beobachter daran, dass Sturgeon ebenso direkt wie selbstironisch ist, und, wohl noch wichtiger, stets ehrlich wirkt. Sie hat einen Tonfall gefunden, in dem sich viele Menschen in Schottland wiederfinden können.

Rolle der Königsmacherin

Nachdem sie in den landesweit übertragenen TV-Debatten zur Wahl aufgetreten war, wurde "Nicola Sturgeon" eine Weile zum am öftesten gegoogelten politischen Suchbegriff in Großbritannien. Viele Wähler in England wollten wissen, ob sie für die SNP stimmen können. Das können sie nicht, aber da die Partei, wenn nicht alle Erhebungen falsch liegen, das Gros der schottischen Sitze gewinnt, wird sie voraussichtlich drittstärkste Kraft im Parlament.

Da ferner alles danach aussieht, dass weder die Konservativen noch die Labour-Partei eine absolute Mehrheit erreichen, dürfte der SNP im neuen Parlament die Rolle der Königsmacherin zufallen. Die politischen Kommentatoren bezeichnen Nicola Sturgeon daher je nach politischer Couleur als die derzeit "mächtigste" oder als die "gefährlichste" Frau Großbritanniens.