Präsidentschaftswahlen in Ägypten:Demonstranten schleudern Steine auf Ex-Premier

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Der erste Tag der historischen Wahl in Ägypten läuft spannungsarm ab - mit einer Ausnahme: Zuerst wabert das Gerücht umher, Präsidentschaftskandidat Schafiq habe einen Infarkt. Als der Ex-Premier dann seine Stimme abgibt, bekommt er die Wut der Bevölkerung auf das alte Mubarak-Regime ab.

Die historische Präsidentenwahl in Ägypten wird heute fortgesetzt, das Ergebnis wird an diesem Samstag erwartet. Nach letzten Umfragen wird kein Kandidat die absolute Mehrheit erreichen, so dass am 16. und 17. Juni eine Stichwahl fällig wird. Die erste demokratische Präsidentenwahl in der Geschichte des Landes hatte am Mittwoch mit einem Ansturm auf die Wahllokale begonnen. Sie blieben bereits am ersten Wahltag wegen des großen Andrangs eine Stunde länger geöffnet.

Präsidentschaftswahlen in Ägypten: Zwei Ägypterinnen bei der Stimmabgabe: Es sind die ersten demokratischen Präsidentschaftswahlen in der Geschichte des Landes.

Zwei Ägypterinnen bei der Stimmabgabe: Es sind die ersten demokratischen Präsidentschaftswahlen in der Geschichte des Landes.

(Foto: AP)

Kaum hatten die Wahllokale am Morgen geöffnet, verbreitete sich das Gerücht, der aussichtsreiche Kandidat Ahmed Schafiq habe einen Herzinfarkt erlitten. Schafiq trat daraufhin in Kairo vor die Presse. Als er später selbst seine Stimme abgab wurde der 70-Jährige von wütenden Demonstranten angegriffen. Der ehemalige Luftfahrtminister wurde mit Rufen von "Der Feigling ist hier, der Verbrecher ist hier" empfangen. Einige Demonstranten bewarfen ihn mit Steinen und Schuhen. Schafikq Leibwächter schirmten ihn ab. Als er nach der Stimmabgabe wegfuhr, brachen Rangeleien zwischen den Demonstranten und seinen Anhängern aus.

Wahlbeobachter haben am ersten Tag der Präsidentenwahl 143 Verstöße gegen die Wahlordnung festgestellt. Es habe Versuche gegeben, Wähler bei der Stimmabgabe zu beeinflussen, teilte das Netzwerk Beobachter ohne Grenzen am mit. Zudem sei der Wahlkampf entgegen den Vorschriften weitergeführt worden, in Wahllokalen für Frauen sei versucht worden, Stimmen gleich bündelweise abzugeben.

"Unsere Wahlbeobachter haben selbst gehört, wie Mitglieder der Wahlkommission einzelnen Wählern, die nicht lesen können, gesagt haben, wo sie ihr Kreuz machen sollen", sagte Scherin Talaat von der Kampagne des Kandidaten Chalid Ali.

Die langen Warteschlangen vor vielen Wahllokalen waren etwas kürzer als bei der ersten Parlamentswahl nach dem Sturz von Präsident Husni Mubarak. Nach Angaben des Gesundheitsministeriums wurden zehn Wähler im Gedränge ohnmächtig. Frauen und Männer stellten sich diesmal getrennt an und wählten auch in getrennten Räumlichkeiten. Damit sollte ermöglicht werden, dass weibliche Beisitzer der Wahlkomitees die Identität von Frauen mit Gesichtsschleier überprüfen.

Wähler entscheiden über Verhältnis zu Israel

Mehr als 50 Millionen Ägypter sind aufgerufen, bis zum Donnerstagabend aus zwölf Kandidaten einen Nachfolger für den im Februar 2011 gestürzten Langzeitmachthaber Husni Mubarak zu bestimmen. Die Wahl entscheidet, ob das bevölkerungsreichste arabische Land demnächst von einem säkularen Polit-Profi aus dem ehemaligen Mubarak-Regime oder von einem Islamisten regiert wird. Das wird sich nicht nur auf die politische und wirtschaftliche Zukunft des Landes auswirken, sondern möglicherweise auch auf das Verhältnis zu Israel.

Die Abstimmung verlief auch wegen der großen Präsenz von Soldaten und Polizisten weitgehend friedlich. Viele Wähler erklärten jedoch, sie hätten Angst vor einer neuen Welle der Gewalt, weil einige der Kandidaten ihre Niederlage womöglich nicht akzeptieren würden. Seit dem Sturz des Mubarak-Regimes herrscht in Ägypten ein Militärrat. Die Generäle haben versprochen, sich Ende Juni aus der Politik zurückzuziehen, wenn der Präsident vereidigt und eine neue Verfassung beschlossen ist.

13 Kandidaten, einer zog zurück

Auf den Stimmzetteln standen zwar 13 Namen, aber ein Bewerber hatte seine Kandidatur zurückgezogen. Zu einem Boykott der Wahl riefen lediglich einige der sogenannten Revolutionsgarden auf, die mit ihren Protestaktionen im Februar 2011 den Sturz von Mubarak erreicht hatten. Sie protestierten gegen den aus ihrer Sicht undemokratisch handelnden Militärrat.

Zu den säkularen Kandidaten, die nach Umfragen die besten Chancen haben, zählen der ehemalige ägyptische Außenminister sowie Generalsekretär der Arabischen Liga, Amre Mussa, und der ehemalige Luftfahrtminister, Ahmed Schafiq. Aus dem Lager der Islamisten sind Abdel Moneim Abdul Futuh und der Muslimbruder Mohammed Mursi Favoriten.

Als gut platzierter Außenseiter gilt der linke Aktivist Hamdien Sabbahi. Er erklärte nach seiner Stimmabgabe vor Reportern: "Das Wichtigste ist, dass diese Wahlen sauber und fair ablaufen. Wenn dies nicht der Fall ist, dann muss sich die Gesellschaft zur Wehr setzen."

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