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Posse in Nevada:Staatsfeind Bundy und seine Kühe

Controversial Nevada Rancher Sparks Backlash From Previous Supporters After Racist Comments

Viehzüchter Cliven Bundy während einer Pressekonferenz.

(Foto: AFP)

Viehzüchter Cliven Bundy weigert sich, für die Nutzung von staatlichem Weideland zu zahlen - und wird dadurch zum Helden regierungskritischer Konservativer. Doch selbst ihnen geht zu weit, was Bundy über Afroamerikaner sagt.

Von Johannes Kuhn, San Francisco

Wilder Westen, Waffen, Kühe, Freiheit und Rassismus: Das sind die Zutaten der Geschichte von Cliven Bundy, die viel über ihn, aber auch etwas über die vielfache Spaltung der USA aussagt.

Cliven Bundy ist Viehzüchter in Nevada und er mag die Regierung in Washington nicht. Genauer gesagt ist folgendes Zitat von ihm überliefert: "Ich erkenne nicht einmal die Existenz der Regierung der Vereinigten Staaten an." Eigentlich müsste der Mann, dessen Erkennungszeichen ein weißer Cowboyhut ist, eine Gebühr entrichten, weil seine Kuhherde auf unter Naturschutz stehendem Weidegrund grast. Doch er weigert sich.

Seit mehr als 20 Jahren hat er dafür keinen Cent bezahlt. Inzwischen schuldet er dem Staat deshalb mehr als 1,1 Millionen Dollar. Vor einigen Wochen wurde es dem zuständigen Landverwaltungsamt in Washington zu bunt: Es kündigte an, die Kuhherde von dem Gelände zu entfernen.

Der 67-Jährige, der seine Argumente durchaus gutherzig vorträgt, verschanzte sich daraufhin mit Teilen seiner Familie (er hat 14 Kinder und 52 Enkel) und wartete auf das staatliche Räumkommando. An dieser Stelle kommen die Waffen und die Freiheit ins Spiel. Oder vielmehr die Freiheit, wie sie von Teilen der Konservativen verstanden wird.

Gebühren-Boykott als Patriotismus

Konservative Blogs und Fox News, allen voran dessen erzreaktionärer Lautsprecher Sean Hannity, berichteten ausführlich über die Bundy-Familie und machten aus dem Viehzüchter einen Freiheitshelden. Der libertäre Senator Rand Paul lobte ihn gar als "Patrioten". Und Hunderte Unterstützer strömten zur "Verteidigung" der Farm - zum Teil als selbsternannte Bürgerwehr-Milizionäre scharf bewaffnet.

Shelton interacts with his son as his mother holds his rifle during a Bundy family 'Patriot Party' near Bunkerville, Nevada

"Patrioten Party" vor der Farm der Bundys: Selbsternannte Bürgerwehren unterstützten den Farmer.

(Foto: Steve Marcus/Reuters)

Die befürchtete Konfrontation blieb aus, das Landverwaltungsamt brach die Kuh-Beschlagnahmung ab. Stattdessen diskutierten rechtes und linkes Amerika. Die Demokraten fragten: Macht die Tatsache, dass sich jemand jahrelang über den Staat stellt und seine Abgaben nicht zahlt, nicht eher zum Gesetzesbrecher als zum Helden? Bundy habe ein Signal gegen die Regulierungswut der Regierung gesetzt, entgegneten viele Republikaner, denn was habe der Staat denn damit zu schaffen, Farmern für den Zugang zu öffentlichem Land abzukassieren? (Die Antwort darauf lautet übrigens: Eine seltene Schildkröten-Art soll geschützt werden.)

Nun böte diese Debatte schon Anschauungsmaterial genug dafür, wie hoffähig Staatsfeindlichkeit in konservativ-libertären Kreisen geworden ist, solange sie nur die vermeintlich richtige Zielscheibe hat. Doch die Geschichte geht noch weiter.

Denn Bundy, für den die Aufmerksamkeit in der Zwischenzeit schon wieder nachgelassen hatte, plauderte am vergangenen Wochenende in Gegenwart eines Reporters der New York Times über dies und das. Und über "Negroes".

Er frage sich, ob es die "Negroes" während der Sklaverei nicht besser gehabt hätten als heute. Damals hätten sie noch Baumwolle pflücken können. Nun hingen sie in Abhängigkeit von staatlichen Wohlfahrtsleistungen meist vor ihren Sozialwohnungen herum, wie er selbst in Las Vegas beobachtet habe.

Dass der Cowboy damit einen Sturm der Entrüstung auslösen würde, überraschte ihn wohl als Einzigen. Nicht nur aus der liberalen Ecke hagelte es Kritik; innerhalb kurzer Zeit verurteilen Paul, Hannity und einige andere Unterstützer aus dem konservativen Milieu die Äußerungen. "Ich verstehe das nicht", erklärte der sichtlich verwunderte Bundy CNN. "Ich habe nur das gesagt, was mir auf dem Herzen liegt."

Die Mär von der guten Behandlung der Sklaven, offene Feindschaft gegenüber der Regierung in Washington, die Verteidigung des eigenen Hab und Guts mit der Schusswaffe: All dies erinnert stark an das Denkkonzept des "White Privilege", also eines Vorrechts der Weißen, das im Süden des Landes auch dann noch lange Anklang fand, nachdem die Rassentrennung längst abgeschafft worden war.

Die Tea Party hat bewirkt, dass nicht nur das Recht auf eine eigene Waffe unter Republikanern gesellschaftsfähig ist, sondern inzwischen auch wieder eine offene Staatsfeindlichkeit wie sie Bundy vertritt.

Wer sich Helden aus dem extremen Spektrum suche, müsse damit rechnen, auf extreme Ansichten zu stoßen, folgert deshalb die Washington Post und mahnt die Grand Old Party: Wer seine Politik auf ein "Wir gegen Sie" gründe, müsse sich nicht wundern, "wenn seine neuen Verbündeten ziemlich scharfe Ansichten über 'Sie' haben."

© Süddeutsche.de/mest
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