Ponto-Mord vor 30 Jahren Fünf Schüsse im eigenen Haus

Vor 30 Jahren erschossen RAF-Terroristen den Bankier Jürgen Ponto - der genaue Tathergang ist bis heute ungeklärt.

Von Robert Probst

Die Republik schien wie gelähmt zu sein. Fassungslos und voller Entsetzen blickte die bundesdeutsche Öffentlichkeit in einen neuen Abgrund des Terrors. Am 30. Juli 1977 hatten drei Mitglieder der Roten Armee Fraktion (RAF) den Vorstandssprecher der Dresdner Bank, Jürgen Ponto, in seinem Haus bei Frankfurt kaltblütig erschossen. Er war binnen weniger Monate das zweite prominente Opfer der sogenannten "Offensive 77", nachdem am 7. April RAF-Terroristen Generalbundesanwalt Siegfried Buback, seinen Fahrer und einen Justizbeamten im morgentlichen Karlsruher Berufsverkehr ermordet hatten.

Polizisten sperren die Einfahrt zum Haus des erschossenen Vorstandssprechers der Dresdner Bank, Jürgen Ponto, in Oberursel bei Frankfurt. Seine Mörder kamen im Sommer 1977 mit einem Strauß Rosen und zwei Pistolen.

(Foto: Foto: dpa)

Nun aber war der Terror in die deutschen Wohnzimmer vorgedrungen, niemand durfte sich mehr sicher fühlen, zu keiner Zeit, nirgends - so lautete die perfide Botschaft. Das Börsenblatt schrieb damals: "So teuflisch wie Jürgen Ponto ist noch keiner als Opfer ausgesucht, so heimtückisch wie er noch keiner überfallen worden. Dieser Mord hat der Gemeinheit und Tragik eine neue Dimension eröffnet." Doch es war bei weitem noch nicht die drastischste Dimension des RAF-Terrors. Es war der Auftakt zum "Deutschen Herbst".

Während der Buback-Mord auch 30 Jahre danach noch für zahlreiche Schlagzeilen sorgte, ist es um das Attentat auf Ponto bisher recht ruhig geblieben. Dabei waren die drei Hauptbeteiligten damals genau jene (Ex-)Terroristen, um die es jüngst die größte öffentliche Aufregung gab: erst wurde vor ein paar Monaten Brigitte Mohnhaupt aus lebenslanger Haft entlassen, dann beherrschte die Diskussion über Christian Klar die Zeitungen und Magazine, bis Bundespräsident Horst Köhler dessen Begnadigung begleitet von erregten politischen Störmanövern ablehnte; und schließlich tobte im Bremer Wahlkampf die Debatte, ob Susanne Albrecht unter neuem Namen Migrantenkindern Deutschunterricht erteilen dürfe.

"Hier ist Susanne"

Doch die Familie Ponto - die Witwe Ignes und die beiden Kinder - schwiegen viele Jahre. Erst Anfang 2007 ging Corinna Ponto, die zur Zeit des Mordanschlags 19 Jahre alt war, an die Öffentlichkeit. "Ein großer Teil der eigenen Geschichte ist gestohlen . . . Und klar ist: Die Täter der RAF hatten und haben immer die Möglichkeit gehabt, zu 'Ex-Tätern' zu werden. Wer einmal Opfer wurde, kann nie Ex-Opfer sein", erzählte sie der Autorin Anne Siemens, die ein Buch über die Opfer der RAF geschrieben hat.

Jürgen Ponto, damals 53 Jahre alt, war 1977 einer der Hauptrepräsentanten des kapitalistischen Systems, das die RAF so sehr hasste. Der Sohn eines Hamburger Kaufmanns und Enkel des Schauspielers Erich Ponto hatte binnen weniger Jahre die Karriereleiter der damals zweitgrößten deutschen Kreditbank erklommen, so dass ihn das US-Magazin Newsweek zu einem der wenigen wahren Machthaber Deutschlands zählte.

Der Jurist war seit 1969 Vorstandssprecher der Dresdner Bank, wurde schnell zum begehrten Ratgeber der Bundesregierung und galt als der führende Großbankier des Landes. Für die Linksextremisten war der Musik- und Kunstliebhaber ein ideales Ziel - nicht zuletzt, weil sie persönlichen Zugang zu ihm hatten.

Als "Türöffnerin" fungierte Susanne Albrecht, Ponto war der Patenonkel ihrer Schwester - von ihrer politischen Einstellung wusste der Bankier freilich nichts. Für Samstag, 30. Juli, kündigte sie ihren Besuch an, nachdem sie sich Wochen zuvor bei Corinna über die Sicherheitsvorkehrungen im Haus erkundigt hatte. Gegen 17.10 Uhr meldete sie sich an der Sprechanlage der gut geschützten Villa in Oberursel: "Hier ist Susanne." Der Hausmeister ließ sie ein, in Albrechts Begleitung waren eine junge Frau im gelben Kostüm und ein Mann im grauen Flanellanzug. Sie hatten einen Strauß Rosen dabei. "Ich wollte mich mal sehen lassen", sagte Albrecht.

Lesen Sie im zweiten Teil, was Corinna Ponto zur Diskussion über mögliche Gnadenakte des Bundespräsidenten sagt.