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Politische Rezepte:Schatten auf dem Paradies

Frankreich hat die höchste Geburtenrate in der EU. Doch trotz guter Betreuung vergeht vielen Franzosen die Lust auf Nachwuchs.

Von Nadia Pantel

Deutsche stellen sich Frankreich gern als Paradies der arbeitenden Eltern vor. Flächendeckende Kinderbetreuung und eine hohe Geburtenrate, die zeigt, dass es Paare selbstverständlich finden, früher oder später Babys durch die Wohnung krabbeln zu haben. Frankreich hat die höchste Geburtenrate der Europäischen Union. Wären Kinder eine teilbare Masse, hätte die Durchschnittsfranzösin 2016 exakt 1,92 Kinder geboren.

Doch die Wirklichkeit ist, wie so oft, komplizierter. Seit drei Jahren sinkt die Quote - entgegen dem Trend beim deutschen Nachbarn. 2017 lag die Geburtenrate in Frankreich bei nur noch 1,88 Kindern pro Frau. Vergeht den Franzosen die Lust auf Familie? Tatsächlich war das Bild der unbesorgten Französinnen, die ihre Säuglinge morgens in die Krippe geben, sie abends wieder abholen und zwischendurch gar keine Zeit haben, von ihnen genervt zu sein, nie ganz richtig. Laut Zahlen des französischen Statistikamtes Insee betreuen mehr als 60 Prozent der französischen Eltern ihre Kinder bis zum dritten Lebensjahr selbst. Nur zwölf Prozent gaben ihre Kinder in eine staatliche Krippe.

Dass diese Zahl kaum wahrgenommen wird, liegt möglicherweise daran, dass sich der vergleichende Blick von Deutschland aus oft auf die großen Städte und auf arbeitende Paare richtet. Doch auch in Familien mit zwei berufstätigen Elternteilen stemmen immerhin 27 Prozent der Eltern die Tagesbetreuung ohne staatliche Unterstützung. In der Gruppe der arbeitenden Eltern finden sich viele Mütter und Väter, die ihr Baby gerne in die Krippe gegeben hätten, aber keinen Platz bekommen haben. Die staatlichen Betreuungsplätze sind begehrt, und sie decken nicht den Bedarf. Wer keinen Krippenplatz bekommt, kann allerdings auf die Unterstützung von Tagesmüttern zurückgreifen. Tagesmütter werden in Frankreich nicht nur staatlich geprüft, die Familien können sich auch die Kosten erstatten lassen.

Vom dritten Geburtstag an gehen die Kleinen in die Vorschule, das ist nun Pflicht

Ist das Kind drei Jahre alt, müssen sich Franzosen keine Gedanken mehr machen, wer sich um die Betreuung kümmert. Vom dritten Geburtstag an gehen 97 Prozent der französischen Kinder in die Vorschule, in die École maternelle. Präsident Emmanuel Macron hat diesen Vorschulbesuch nun zur Pflicht erklärt.

Gründe für die sinkende Kinderzahl, lassen sich weniger in der Betreuungssituation als bei den veränderten Wünschen und Ansprüchen der Mütter finden. So schreibt die Journalistin Cécile Calla: "Sehr viele Frauen stehen am Rande des Nervenzusammenbruches, was sich auch auf das Familienleben auswirkt." Frauen hätten inzwischen oft keine Lust mehr, sich der dauerhaften Überforderung auszusetzen.

Denn auch wenn es in Frankreich normaler ist, dass Mütter von sehr jungen Kinder arbeiten, Karriere machen sie dadurch noch lange nicht. Laut Angaben der französischen Regierung verdienen Frauen im Durchschnitt bei gleicher Arbeitszeit neun Prozent weniger als Männer. Und der Umstand, dass die Frauen arbeiten, bedeutet auch nicht, dass sie weniger Verantwortung für Haushalt und Kinder tragen. Laut einer Umfrage der OECD aus dem Jahre 2014 verbringen französische Frauen knapp 158 Minuten mit Hausarbeit, die Männer wenden für Putzen, Waschen, Kochen nur 98 Minuten auf.

© SZ vom 29.03.2018

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