Politische Einflussnahme:Wundermittel aus Berlin

Nacht- und Notdienst der deutschen Apotheken

Im Durchschnitt macht eine Apotheke laut Branchenverband 136 000 Euro Gewinn im Jahr - und es soll nicht weniger werden. Vehement kämpfen die Standesvertreter deshalb gegen Sparmodelle der Kassen und Konkurrenz aus dem Internet.

(Foto: obs/dpa)

Mehr Wettbewerb für günstigere Arzneimittel? Vorerst verhindert. Versandhandel von Medikamenten? Verbot geplant. Wie die Apotheker-Lobby den Gesundheitsminister auf ihre Seite zieht.

Von Kim Björn Becker

Der Weg zum Labor führt über einen Nebeneingang, dann geht es einmal die Treppe hoch. Eine Luftschleuse trennt den Flur vom Reinraum. Der Apotheker Michael Raber streift den Schutzanzug über, den Mundschutz, die Einmalhandschuhe. Drinnen mischen seine Mitarbeiter Krebsmittel zu Infusionen für die Chemotherapie, individuell angefertigt für jeden Patienten. In Deutschland gibt es etwa 300 Apotheken wie diese, sie stellen aufwendige Krebsmedikamente - sogenannte Zytostatika - selbst her. Doch zwischen Krankenkassen und Apothekern tobt seit Monaten ein Streit, wie die Kosten für die teuren Zubereitungen gesenkt werden können. Im Moment sieht es so aus, als würden sich die Apotheker durchsetzen - denn hinter ihnen steht Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe.

Wenige Monate vor der Bundestagswahl ist es den Pharmazeuten gelungen, den CDU-Politiker in gleich zwei bedeutsamen Streitpunkten auf ihre Seite zu ziehen. Die Lobby der Apotheker gilt seit Jahren als besonders gut organisiert. Das kommt ihnen nun zugute, denn es geht für sie um viel Geld.

Fast 1,3 Milliarden Euro geben die Krankenkassen pro Jahr allein für Zytostatika aus, ein gigantischer Posten. Um die Kosten zu drücken, ließen sich die Kassen das Modell einfallen, Exklusivverträge mit der jeweils günstigsten Apotheke in einer Region zu schließen. Die dafür nötigen Ausschreibungen haben bei etlichen Apothekern heftige Kritik ausgelöst - schließlich verdienen sie meist sehr gut an den Zubereitungen. "Labore und Mitarbeiter sind ausgesprochen teuer", gibt Michael Raber, Inhaber der Sankt-Barbara-Apotheke im rheinland-pfälzischen Trier, zu bedenken. Viele Apotheker haben mitunter Hunderttausende Euro in ihre Labore gesteckt - in Erwartung hoher Einnahmen. Sie sehen sich nun durch die Sparpläne bedroht.

Vier Wochen nach dem Appell des Apothekerverbandes handelt der Minister

Fritz Becker, der Vorsitzende des Deutschen Apothekerverbands, warnte davor, dass sich mit jeder neuen Ausschreibungsrunde einer Kasse immer mehr Apotheken von der Zytostatika-Produktion verabschieden könnten. "Irgendwann hat auch die Krankenkasse kaum noch Auswahl unter den Anbietern", sagte er. Und Becker machte auch gleich klar, was er von der Politik erwartete: "Ausschreibungen, die die versorgenden Apotheken bestimmen sollen, müssen verboten werden. Der Gesetzgeber muss bald handeln."

Und Gesundheitsminister Gröhe handelte. Gerade einmal vier Wochen später verabschiedete das Kabinett in Berlin einen Gesetzentwurf, das die Zytostatika-Ausschreibungen verbieten soll. Ulrike Elsner, die Chefin des Verbands der Ersatzkassen, konstatierte zerknirscht eine "erfolgreiche Lobbyarbeit" der Apotheker. Das Verbot sei ganz und gar nicht im Sinne der Beitragszahler. Neben den Pharmazeuten hatten sich auch Klinik- und Ärzteverbände sowie die Deutsche Krebsgesellschaft gegen Ausschreibungen gewandt. Sie alle befürchteten, dass es andernfalls zu Engpässen in der Versorgung Schwerkranker kommen könnte - ein Argument, dem sich auch Hermann Gröhe nicht verschloss.

Die Apotheker konnten zudem einen zweiten, weitaus größeren politischen Erfolg verbuchen - noch ist allerdings nicht klar, ob er von Dauer sein wird. Der Anlass war ein Urteil, mit dem der Europäische Gerichtshof Ende Oktober ausländische Versand-Apotheken gestärkt hatte, zulasten der eingesessenen Apotheken in Deutschland. Verschreibungspflichtige Medikamente unterliegen im Inland einer strikten Preisbindung, der niederländische Versender DocMorris aber ködert deutsche Kunden mit Rabatten. Das ist in Ordnung, urteilten die Richter, die deutsche Preisbindung dürfe nicht für Versender im EU-Ausland gelten. Die neue Konkurrenz könnte sich schon bald zur Bedrohung für die Präsenzapotheken entwickeln: Wenn immer mehr Patienten ihre Pillen im Netz bestellen, müsste die Apotheke am Ort schlimmstenfalls schließen - und die flächendeckende Versorgung könnte in Gefahr geraten. Zwar entfallen derzeit höchstens zwei Prozent des Umsatzes mit verschreibungspflichtigen Medikamenten auf die Versender - doch bei den frei verkäuflichen Arzneien liegt ihr Marktanteil bereits klar im zweistelligen Bereich.

Zwei Prozent des Umsatzes mit verschreibungspflichtiger Arznei fällt auf den Versandhandel

Kaum war der Richterspruch gefallen, zeigte sich der deutsche Spitzenverband der Apotheker ABDA "entsetzt" und warnte, dass die Entscheidung die nationalen Gesundheitssysteme gefährde. "Jetzt ist die deutsche Politik gefordert!", rief der Verband. Der Arbeitsauftrag an Gesundheitsminister Gröhe folgte umgehend: "Eine denkbare Lösung wäre ein Verbot des Versandhandels mit rezeptpflichtigen Arzneimitteln in Deutschland." Gesagt, getan: Keine zwei Monate später verschickte das Bundesgesundheitsministerium einen Referentenentwurf. Der Name ist Programm: "Gesetz zum Verbot des Versandhandels mit verschreibungspflichtigen Arzneimitteln". Das Gesetz sichere den Bestand der "wohnortnahen Apotheke", begründete der Minister seinen Schritt. Dieses Argument bemühen auch die Pharmazeuten. Mit einer Unterschriftenaktion haben viele von ihnen ihre Kunden darum gebeten, ihre Unterstützung zu dokumentieren. Die Aktion, die an diesem Mittwoch zu Ende geht, soll nach den Worten des ABDA-Chefs Friedemann Schmidt ein "starkes Signal an die Politik" sein.

Damit sind weniger der Gesundheitsminister und seine CDU gemeint, sondern vor allem der Koalitionspartner SPD. Beim Verbot von Zytostatika-Ausschreibungen ziehen die Sozialdemokraten noch weitgehend mit, doch beim Thema Versandapotheken liegen die Parteien über Kreuz. Anstatt den Versandhandel zu verbieten, wie es die Union will, denkt die SPD darüber nach, die Rabatte der Versender zu deckeln - was der Apothekerverband ABDA sogleich als "Scheinlösung" abkanzelte. In der Antwort auf eine Anfrage der Grünen-Fraktion im Bundestag zum Thema Versandhandel teilte das Gesundheitsministerium nüchtern mit, der "Meinungsbildungsprozess innerhalb der Bundesregierung" sei in der Frage "noch nicht abgeschlossen". Ein Kabinettsbeschluss steht noch aus - und aus Sicht der Apotheker ist Eile geboten. Denn jede Vorlage, die bis zur Bundestagswahl nicht zum Gesetz geworden ist, verfällt ersatzlos.

© SZ vom 01.03.2017
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