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Politiker-Liebling Bruce Springsteen:Der amerikanischste Amerikaner

Der 'Boss' rockt fuer US-Praesident Obama

Der 'Boss' rockt für seinen Präsidenten: Während der Wahlkämpfe 2008 und 2012 warb Bruce Springsteen für Barack Obama. 

(Foto: dapd)

"Ich bin der Präsident, er ist der Boss": Nicht nur US-Präsident Obama schwärmt von Bruce Springsteen, der in seinen Songs wütend den rauen amerikanischen Alltag kommentiert. Eine Biographie erklärt nun, wie der Rocker zum Gesellschaftskritiker wurde und wieso so viele Republikaner seine Texte falsch verstehen.

Von Matthias Kolb

Am Ende konnte er nicht anders. Im Herbst 2012 gab Bruce Springsteen den Wahlkämpfer für Barack Obama. Nicht nur der US-Präsident ist ein großer Fan von "The Boss", der in seinen Stücken den harten Alltag in Amerika besingt. Auch viele Konservative verehren den Rockstar. Eine neue Biographie schildert Springsteens Entwicklung zum Gesellschaftskritiker und erklärt, warum so viele Republikaner seine Texte falsch verstehen.

Es ist eine kleine Episode, die David Remnick in seinem biographischen Essay über Bruce Springsteen erzählt, die dieses Missverständnis illustriert. 1984 machte Ronald Reagan Wahlkampf in New Jersey, der Heimat des Sängers. Der Republikaner war damals schon 73 Jahre alt. Er verkündete: "Amerikas Zukunft liegt in tausend Träumen in euren Herzen, sie liegt in der Botschaft der Hoffnung in den Songs, die so viele junge Amerikaner bewundern: Von New Jerseys Bruce Springsteen."

Der so gepriesene Musiker war entsetzt, schreibt der Chefredakteur des New Yorker in seiner Annäherung an Springsteen. Denn der Song "Born in the U.S.A.", auf den Reagan damals anspielte, hat zwar einen für patriotische Ohren wunderbaren Refrain, doch er thematisiert den Niedergang der heimischen Industrie, geschlossene Fabriken, die traumatischen Folgen des Vietnam-Kriegs und viele andere Probleme. Auf der Bühne, so erzählt es Remnick, habe Springsteen dann gern "Johnny 99" gespielt, um sich klar zu positionieren. Der Song handelt von einem Arbeitslosen, der betrunken und verzweifelt einen Wachmann bei einem Raubüberfall tötet.

Überparteilich beliebt

Obwohl Springsteen bereits 1972 Wahlkampf für den Liberalen George McGovern machte und eindeutig mit den Demokraten sympathisiert, sind seine Lieder im Wahlkampf regelmäßig bei Events der Republikanern zu hören. Sein Lebensweg macht beides verständlich: Er wuchs in New Jersey als Sohn eines cholerischen, trinkenden Kriegsveteranen auf und kennt daher den alltäglichen Überlebenskampf. Damit kann sich fast jeder Amerikaner - egal, ob Demokrat oder Republikaner - irgendwie identifizieren; die eigene Erfahrung erklärt den Wunsch nach gesellschaftlichem Zusammenhalt.

Einer der Wortsinne größten Fans Springsteens ist der gewichtige Gouverneur Chris Christie aus New Jersey. Der Republikaner hat mehr als 100 Konzerte besucht und zum Beispiel in der Late-Night-Show von Jimmy Fallon seine Textsicherheit bewiesen.

Doch Springsteen hatte wenig Lust, sich mit dem sparwütigen Gouverneur zu treffen - erst nach Christies unermüdlichem Einsatz für den Wiederaufbau der vom Wirbelsturm Sandy zerstörten Teile von New Jersey wuchs sein Respekt. Wie ein kleiner Junge erzählte Christie im Dezember in der "Daily Show" von Jon Stewart, wie aufgeregt er war, als er "The Boss" endlich umarmen durfte und dieser sagte: "Von jetzt an sind wir Freunde."

Dennoch ist wohl nicht damit zu rechnen, dass Springsteen im anstehenden Wahlkampf in New Jersey mit Christie auf der Bühne stehen wird. Der Musiker sympathisiert viel mehr mit dem Demokraten Obama, der ihn bereits 2009 bei der Auszeichnung für sein Lebenswerk mit den Worten huldigte: "Ich bin der Präsident, aber er ist der Boss."

Remnick beschreibt den Blick des Multimillionärs auf den mächtigsten Mann der Welt:

"Springsteen bewundert Obama wegen seines Gesetzes zur Krankenversicherung, dass er die Autoindustrie gerettet hat, dass er aus dem Irak herausging, dass er Osama bin Laden hat töten lassen; enttäuscht hat ihn, dass Guantanamo nicht geschlossen und nicht mehr für wirtschaftliche Fairness getan wurde, und er sieht eine ungute Unternehmerfreundlichkeit - die üblichen liberalen Punkte von Lob und Tadel."

Der kleine, elegant geschriebene Essay verrät viel über den Menschen und den Künstler Bruce Springsteen, aber auch über die amerikanische Gesellschaft. Lange Zeit hatte "The Boss" noch überlegt, ob er sich 2012 noch einmal einer Wahlkampagne anschließen sollte.

"Ich habe es zweimal gemacht, weil alles so trostlos war", sagte er. "Ich dachte, sollte ich das kleine politische Kapital, das ich hatte, verbrauchen, dann sollte ich es jetzt tun. Doch das Kapital wird weniger, je öfter man es macht. Ich sage ja nicht 'nie mehr', und ich möchte den Präsidenten auch weiter unterstützen, das hab ich ja lange nicht mehr gemacht, doch ich habe auch keine Pläne, jedes Mal da aufzutreten."

Wer darf 2016 mit ihm auf die Bühne?

Schließlich gab sich Springsteen doch wieder einen Ruck und trat in den letzten Tagen vor der Abstimmung als Obamas prominenter Wahlkämpfer auf - nur die Auftritte von Jay-Z sorgten für ähnlich viel Aufsehen. Springsteens Song "We take care of our own" fehlte bei keinem Auftritt des demokratischen Amtsinhabers.

Und eine Prognose scheint nicht zu gewagt: Auch 2016 werden viele Politiker darum buhlen, gemeinsam mit dem "Boss" auf der Bühne stehen zu dürfen. Und die besten Chancen dürften wieder mal die Demokraten haben.

Der Essay "Über Bruce Springsteen" ist im Berlin Verlag erschienen und kostet 14,99 Euro.

© Süddeutsche.de/joku/leja
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