Osterpredigten:Es nervt, Gott sei Dank

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Da haben wir sie wieder gehört, die Sonntagspredigten zu Ostern. Vom Papst, von Bischöfen, von Priestern und Pfarrern auf den Kanzeln. Manchmal nerven sie. Manchmal müssen sie aber auch nerven. Über die weltverändernde Kraft des Nervenden.

Matthias Drobinski

Klar, das müssen die tun an Ostern. Das ist ihres Amtes, das ist ihr Job. Papst Benedikt XVI. beklagt die Gewalt gegen Christen; Nikolaus Schneider, der Ratsvorsitzende der evangelischen Kirche in Deutschland, wettert gegen die soziale Spaltung im Land; der Münchner Kardinal Marx wünscht den Sonntag geschützt.

In vielen Dutzend Karfreitags- und Osterpredigten sind Vertreter der Kirchen für Frieden und Gerechtigkeit eingetreten, den Schutz der Armen, der Familien und der Umwelt. Das ist wenig aufregend und überraschend. Und manchmal nervt es auch, wenn an den hohen Feiertagen von allen Kanzeln herab volle Kanne für das Gute und gegen die Sünde gepredigt wird.

Es nervt. Manchmal, weil es dann doch zu sehr nach preisgünstiger Sonntagspredigt klingt, was da geredet wird. Manchmal aber auch: Weil es einen Nerv trifft und deshalb eine Reaktion bewirkt - selbst wenn es eine Abwehrreaktion ist. Lasst uns in Ruhe, lasst uns die Feiertagsruhe, wir wollen nichts hören aus Afghanistan, aus dem Sudan, der Vorstadt oder drei U-Bahn-Stationen weiter. Wissen wir doch längst; finden wir auch schlecht, kann man aber nichts machen. Oder . . . vielleicht doch?

Das ist die weltverändernde Kraft des Nervenden: Es juckt wie die Feiertagshose, bis man es nicht mehr aushält und sich regt und rührt, bloß, damit es nicht mehr juckt. Eine gute Osterpredigt sollte daher nicht einfach das fromme Publikum erbauen, sondern Nerven treffen, damit sich etwas bewegt. Das Christentum will ja auch nicht die Religion der frommen Selbstbeschäftigung sein; seine Anhänger, die Christen, soll man vielmehr an ihren Früchten erkennen. Hat der Gründer gesagt - Jesus. mad

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