Opfer "Sie müssen Kontrolle abgeben"

Matthias Katsch.

(Foto: Stephanie Pilick/dpa)

Matthias Katsch besuchte das Berliner Canisius-Kolleg, dort erlebte er selbst Übergriffe, heute spricht er für Betroffene. Er fordert weitere Konsequenzen von den Bischöfen.

Interview von Matthias Drobinski

Der Unternehmensberater Matthias Katsch ist Sprecher der Betroffenen-Vereinigung "Eckiger Tisch"; sie tat sich zusammen, als die Missbrauchsfälle im Berliner Canisius-Kolleg der Jesuiten öffentlich wurden. Er ist auch Mitglied des Betroffenenrates beim Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs der Bundesregierung.

SZ: Die Studie der Bischofskonferenz ist nun vorab veröffentlicht worden - ist das ein Zeichen des Misstrauens gegen den Auftraggeber?

Katsch: Es ist müßig zu spekulieren, warum da jemand die Studie weitergegeben hat. Bemerkenswert fand ich aber die geradezu beleidigte Reaktion der Bischöfe. Da gibt es ein großes Kontrollbedürfnis: Wir wollen da die Hand drauf haben. Da müssen sie lernen loszulassen. Die Zeit, wo Bischöfe alles im Griff hatten, die ist zum Glück definitiv vorbei. Sie müssen Kontrolle abgeben und in den Dialog treten, auch mit uns Betroffenen.

Sind Sie denn zufrieden mit der Studie und dem Stand der Aufarbeitung?

Das sind zwei verschiedene Dinge, Studie und Aufarbeitung. Die Wissenschaftler haben aus meiner Sicht ihr Bestes gegeben - das Design der Studie habe ich aber von Anfang an kritisiert. Es fehlt zum Beispiel die Untersuchung der Ordensgemeinschaften. Mein eigener Fall aus dem Canisius-Kolleg in Berlin spielt in der Studie keine Rolle, auch nicht die Vorgänge in Ettal und anderen Internaten. Das ist ein Mangel, der nicht geheilt werden kann. Aufarbeitung ist, was wir in Australien und Irland erlebt haben: Eine unabhängige Stelle hat Zugriff auf Aktenmaterial und Zeugenaussagen. Sie kann selber Betroffene, mutmaßliche Täter und Verantwortliche befragen und Zusammenhänge herstellen. Aufarbeitung ist darauf ausgerichtet, Gerechtigkeit herzustellen. Eine Studie dagegen sammelt Erkenntnisse, wo wir stehen im Vergleich zu anderen Ländern. Eine Aufarbeitung leistet sie nicht.

Wo stehen wir im Vergleich zu anderen Ländern?

So schlimm wie die anderen. Fünf Prozent der Priester haben sexualisierte Taten begangen - das ist weltweit in etwa der furchtbare Durchschnitt.

In Deutschland gibt es keine unabhängige Aufarbeitungsstelle - braucht es die?

Langfristig ja. Ein erster Schritt für die Bischöfe wäre, mit einer staatlichen Stelle zusammenzuarbeiten und dafür ihre Aktenbestände zur Verfügung zu stellen. Der Bischof von Dublin hat das schon getan, einige amerikanische Bischöfe sind dem Beispiel gefolgt - warum nicht auch deutsche? Aufarbeitung heißt, dass Verantwortung übernommen wird.

Fürchten Sie, dass jetzt viele Bischöfe sagen: Gott sei Dank, die Studie ist raus - jetzt haben wir das Thema hinter uns?

Das kann ich mir angesichts der weltweiten Krise nicht vorstellen. Wer so denkt, muss ja alles ausblenden, was gerade bis in die Spitze des Vatikans hinein passiert. Die Studie ist eine wichtige Etappe. Die nächsten Schritte müssen jetzt folgen. Zum Beispiel, dass die Bischöfe sich auf einen Dialogprozess mit ihren Gläubigen und den Betroffenen einlassen, um aus der Studie Schlüsse zu ziehen, was sich ändern muss. Ja, Änderungen brauchen Zeit in der katholischen Kirche, aber sie müssen jetzt angegangen werden.

Was würden Sie Papst Franziskus sagen, wenn er Ihnen nun zuhören würde?

Dass ich mich freue, dass er erkannt hat, dass sich hier etwas ändern muss. Er hat ja nun 80 Bischofskonferenzvorsitzende zur Krisenkonferenz eingeladen. Ich würde ihm empfehlen, zu den Beratungen auch 80 Vertreter von Betroffenen nach Rom zu holen, denen die Bischöfe und Kardinäle dann zuhören.

Für viele Bischöfe wären das harte Tage.

Ja. Aber auch das hieße: Kontrolle abzugeben und nicht die Bedürfnisse der Institution in den Mittelpunkt zu stellen.