Nordkorea Tokioter Kehrtwenden

Jetzt, da die Annäherung zwischen Washington und Pjöngjang in Stocken geraten ist, ist plötzlich Japans Regierungschef Shinzo Abe entschlossen, sich um ein Treffen mit dem Machthaber Kim Jong-un zu bemühen.

Von Christoph Neidhart, Tokio

Japans Premier Shinzo Abe ist bereit, Nordkoreas Machthaber Kim Jong-un ohne Vorbedingung zu treffen. Ein Gipfel sei der einzige Weg, "um das Misstrauen zwischen beiden Ländern beizulegen", sagte er der Zeitung Sankei". Er hoffe, Kim könne "flexibel und strategisch erkennen, was das Beste ist für sein Land". Kurz zuvor hatte Abe mit US-Präsident Donald Trump über Kim gesprochen.

Abe tat sich stets als Nordkorea-Hardliner hervor. Im Raketenstreit vor zwei Jahren schlug er kriegerische Töne an, obwohl Tokio mit Pjöngjang diplomatische Gespräche geführt und 2014 in Stockholm eine Vereinbarung unterzeichnet hatte. Abe mäßigte sich auch nicht, als Kim sich bereits mit den Präsidenten Chinas, Südkoreas und dann mit Trump traf. Auch Abe bot Kim den Dialog an, zumal Japan einzige Regionalmacht ist, die noch keinen Draht zu Kim hat. Zugleich polterte Abe weiter gegen jede Sanktionslockerung. Erst müsse Pjöngjang nuklear ganz abrüsten und zudem das Problem um die nach Nordkorea verschleppten Japaner lösen.

Ende der 1970er-Jahre entführten Agenten Nordkoreas Japaner nach Pjöngjang, um sie für Spionage-Ausbildung einzusetzen. Beim ersten Gipfel Japans mit Nordkorea 2002 hatte Junichiro Koizumi, damals Premier, Kim Jong-il, Vater des heutigen Kim, ein entsprechendes Geständnis abgerungen. Kim ließ einige der Japaner frei, behauptete von anderen, sie seien verstorben. Mindestens zwei leben noch in Pjöngjang. Abe nannte es stets als eine der wichtigsten Aufgaben, sie heimzuholen, bemühte sich aber nie aktiv um Ausgleich mit Pjöngjang.

Angesichts des Handelskriegs rät Experte zu Kooperation mit China

1994 unterzeichneten die USA und Nordkorea ihr Genfer Rahmenabkommen zur nuklearen Abrüstung des Nordens. Diese Vereinbarung gilt als Erfolg, obwohl sie nur teilweise eingehalten wurde. Doch ließ Präsident George W. Bush sie 2002 platzen. Das war Tokios Chance: Hitoshi Tanaka, später Vize-Außenminister, pendelte ein Jahr lang nach Pjöngjang. In geheimer Mission bereitete er den ersten Gipfel Japans und Nordkoreas vor. In ihrer Erklärung vereinbarten Vater Kim und Koizumi die rasche Normalisierung der Beziehungen. Doch nach dem zweiten Gipfel 2004 kam dies ins Stocken. Zwei Jahre später zündete der Norden nach 15 Jahren wieder eine Rakete, im Oktober 2006 folgte der erste Atomversuch. Fast gleichzeitig folgte in Tokio Abe auf Koizumi. Seine erste chaotische Amtszeit als Premier dauerte nur elf Monate. Das genügte, um den Ausgleich mit Nordkorea zu blockieren.

Als wiederhole sich die Geschichte, macht Abe jetzt eine Kehrtwende, da die Normalisierung zwischen Nordkorea und den USA zu stocken scheint. Und er geht nach Jahren der Misstöne auf China zu. Tokio und Peking bereiten einen Freihandelspakt vor (RCEP). Abe einigte sich mit China sogar auf Kooperationen bei der "Neuen Seidenstraße". Der Ökonom Kiyoyuki Seguchi vom Canon-Institut empfiehlt, angesichts von Trumps Handelskrieg gegen China sollten japanische und chinesische Firmen gegenüber den USA unter Regierungsführung eng kooperieren. Zugleich sucht Abe das Gespräch mit Kim. Doch dürfte er keinen so gewieften Unterhändler haben wie einst Koizumi. Und weniger Geduld.