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Noemi-Affäre:Berlusconi: Der bewegte Premier

Die Achillesferse des Silvio Berlusconi: Dem italienischen Premierminister könnte die Noemi-Affäre ernsthaft schaden - vielleicht nutzt sie dem "Cavaliere" aber sogar.

Stefan Ulrich

Seit seinem Amtsantritt vor einem Jahr muss der italienische Ministerpräsident Silvio Berlusconi auf die Opposition wirken, als wäre er ein zweiter Achill. Der sagenhafte Grieche war einst als Kind von seiner Mutter Thetis im Styx gebadet worden, dem Fluss, der das Totenreich umfließt.

Die Noemi-Affäre könnte Berlusconi erstmals ernsthaft schaden.

(Foto: Foto: Reuters)

Dadurch wurde Achill unverwundbar - mit Ausnahme seiner Ferse, an der ihn Thetis festhielt. Diese Stelle wurde Achill am Ende zum Verhängnis. Auch der 72-jährige Berlusconi erwies sich in all den Monaten als unverletzlich, egal, wo ihn die Opposition attackierte. Jetzt aber glaubt sie, seine Achillesferse gefunden zu haben: eine angebliche Affäre mit einer langbeinigen, blonden Schülerin namens Noemi.

Ein Besuch des vielfachen Vaters und Großvaters Berlusconi auf der Feier zum 18.Geburtstag Noemi Letizias Ende April führte dazu, dass seine Frau Veronica Lario öffentlich die Trennung von ihm erklärte. Seitdem rätselt die Nation, was für ein Verhältnis der bewegte Mann an ihrer Spitze zu Noemi und womöglich anderen sehr jungen Damen pflegte. Der Premier selbst behauptet, er kenne Noemis Familie schon seit vielen Jahren, habe die Signorina nur vier Mal gesehen und selbstverständlich nichts mit ihr gehabt. "Sex? Aber bitte schön, lassen wir die Scherze ..."

Die Opposition und immer mehr Kommentatoren argwöhnen jedoch, Berlusconi lüge. Mancher Gegner hofft, den scheinbar übermächtigen Premier durch eine verhängnisvolle Affäre loszuwerden. Diese Hoffnung wird durch Berichte eines früheren Freundes von Noemi genährt.

Der 22 Jahre alte Gino F. erzählt eine ganz andere Version von der Bekanntschaft Berlusconis mit der Schülerin. Danach hat Berlusconi Bewerbungsfotos Noemis für einen Job als Show-Girl im Fernsehen - für viele junge Italienerinnen derzeit das höchste der Ziele - in die Hände bekommen. Der Premier habe Noemi daraufhin immer wieder angerufen und als "Engelsgesicht" und "göttliches Mädchen" bezeichnet.

Über Sylvester sei Noemi mit 30 bis 40 anderen jungen Frauen zu Gast in Berlusconis Luxusvilla auf Sardinien gewesen. "Nach der Rückkehr war sie nicht mehr meine Noemi, und im Januar haben wir uns getrennt."

Noemis Vater kündigte nun an, er werde Gino F. und die Zeitung La Repubblica, die dessen Berichte druckte, verklagen. Der Vater behauptet, seine Familie kenne den Premier schon seit langem. Auch ein Anwalt Berlusconis droht mit Zivil- und Strafprozessen. Der Regierungschef selbst versuchte bislang, die Affäre auszusitzen.

In die Offensive gehen

Nun erwägt er jedoch, in die Offensive zu gehen. Angeblich denkt er sogar darüber nach, im Parlament Stellung zu beziehen, wie das die Opposition fordert. Denn mittlerweile leidet seine Popularität unter dem Fall, der immer mehr den italienischen Europawahlkampf prägt. Vor allem die katholische Kirche, die sich in der Vergangenheit öfters als Verbündete Berlusconis erwies, geht deutlich auf Distanz. Das könnte den Premier etliche Wählerstimmen kosten.

Die katholische Wochenzeitschrift Famiglia Cristiana, die journalistisch anspruchsvoll gemacht ist und schätzungsweise drei Millionen Leser hat, schreibt, die Bürger und Wähler forderten Aufklärung. "Berlusconi muss Klarheit schaffen", fordert Chefredakteur Don Antonio Sciortino im Leitartikel der Ausgabe, die am Donnerstag erscheint. "Niemand genießt moralische Immunität." Erzbischof Alessandro Plotti, der frühere Vize-Präsident der italienischen Bischofskonferenz, klagt in einem Interview der Zeitung La Stampa: "Dieser Skandal zeigt, wie dramatisch das Niveau der öffentlichen Moral gesunken ist." Fälle wie die Noemi-Affäre entwerteten die Glaubwürdigkeit eines politischen Führers. Wer im heutigen Italien am gerissensten und amoralischsten handle, müsse sich nicht mehr verstecken, sondern werde als Siegertyp und Modell für die Jugend angesehen.

Manche Kommentatoren fragen denn auch, ob der Fall Noemi am Ende wirklich der Opposition oder doch wieder Berlusconi nutzen werde. Der Premierminister gilt als begnadeter Kommunikator. Er könnte mit einem großen Auftritt die Zweifler erneut zu sich herüber ziehen. Die Anschuldigungen würden "wie ein Bumerang auf die zurückfallen, die sie erhoben haben", prophezeite der Ministerpräsident jetzt gegenüber dem amerikanischen Sender CNN.

Der Literaturnobelpreisträger Dario Fo, ein alter Gegner Berlusconis, klagt, die Bürger würden dem Premier auch diese Affäre durchgehen lassen. Berlusconi sei der Traum des Durchschnittsitalieners und habe das Schlechteste aus diesem Land an die Oberfläche geholt. "Wir Italiener haben das, was wir verdienen." Womöglich muss die Opposition weiter die Achillesferse jenes Mannes suchen, den die Italiener "Cavaliere" nennen.

© SZ vom 26.05.2009
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