Netzpolitik.org:Solidarität und Spendengeld

Für Blogger Markus Beckedahl bringt die Anzeige unverhoffte Aufmerksamkeit.

Von Lena Kampf

Den Brief vom Generalbundesanwalt hat Markus Beckedahl eingerahmt an die Wand gehängt: Aktenzeichen 3 Bjs 13/15-1, Ermittlungen wegen Verdachts auf Landesverrat. Das Schreiben hängt zwischen vielen Urkunden hinter seinem Schreibtisch: Journalist des Jahres 2014, Grimme-Online-Award 2014, dazu noch eine aktuelle Ehrung seines Blogs Netzpolitik.org.

Beckedahl ist Chefredakteur von Netzpolitik.org. Die Eröffnung des Ermittlungsverfahrens gegen ihn und gegen den Autor Andre Meister hat den Bloggern und ihren Enthüllungen zu unverhoffter Aufmerksamkeit verholfen. Seither erreichen die Journalisten Solidaritätsbekundungen aus aller Welt, die Spenden fließen, voraussichtlich im fünfstelligen Bereich. Am Samstag demonstrierten gut 1300 Menschen in Berlin für die Pressefreiheit. Beckedahl marschierte mit, er trug ein Schild mit der Botschaft: "Her mit den Dokumenten". Der Journalist ist der Meinung, einige Kollegen seien jetzt geradezu neidisch auf ihn. "Offenbar ist das Verfahren die höchste Auszeichnung, die ein investigativer Journalist in Deutschland bekommen kann."

Dabei war der 38-Jährige schon vorher kein Unbekannter. Sein Blog ist bei denjenigen populär, die sich für Netzpolitik interessieren. Beckedahl ist, wie er selber sagt, "mit Computern groß geworden", hat eine IT-Ausbildung gemacht, verbrachte aber nur einen Tag an der Universität. 2006 hat er die Konferenz re:publica gegründet. Darüber hinaus hat er den Bundestag beraten und war Mitglied der "Enquete Kommission Internet und digitale Gesellschaft".

Netzpolitik etabliert sich mehr und mehr als eigenes Politikfeld, doch Beckedahl beklagt, dass die "Zahl derjenigen, die sich für Grundrechte im Netz einsetzen", stagniere. "Aber die Lobby der Konzerne ist stärker geworden", warnt er. Der Blogger ist irritiert darüber, dass der Staat jetzt das "schwerste Geschütz" gegen ihn auffährt: Landesverrat habe er erst einmal googeln müssen. Das Ermittlungsverfahren läuft auch gegen "unbekannt", also gegen seine Informanten. Um die mache er sich mehr Sorgen als um sich persönlich, sagt er. Seine Mutter habe er beruhigen müssen, nachdem diese gelesen habe, dass ihm lebenslange Haft drohe. "Ich habe ihr gesagt, dass ich wahrscheinlich nicht ins Gefängnis komme", sagt er. "Und wenn, dann könne sie stolz auf mich sein."

© SZ vom 03.08.2015
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