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Nazi-Vergangenheit:Braune Lokalmatadore

München, Kassel, Coburg - 70 Jahre nach Kriegsende entpuppen sich mehr und mehr Ehrenbürger deutscher Städte als ehemalige Mitläufer der Nazis. Was tun mit den Straßen und Plätzen, die ihre Namen tragen? Umbenennungen sind nur eine Möglichkeit.

Von Susanne Höll

In den ersten Maitagen, als sich das Kriegsende zum 70. Mal jährte, mahnten kluge Redner, dass die Gräuel des Nationalsozialismus nicht vergessen werden dürften. Der Appell ist wohl berechtigt, bald werden alle Zeitzeugen der NS-Ära tot sein, die unmittelbaren Erinnerungen an dieses beschämende Kapitel der Geschichte sind dann erloschen. Muss man sich in Deutschland vor einer Schlussstrich-Mentalität fürchten?

Nein, das muss man nicht. Jedenfalls nicht, wenn man auf die Städte und Städtchen schaut, die mehr als ein halbes Jahrhundert nach dem Ende des Hitler-Regimes erforschen, wie es um die Vergangenheit der lokalen Größen bestellt ist. Anlass der Recherchen ist zumeist ein Schilderzwist. Eine Straße oder Brücke, eine Gasse oder ein Gebäude wurde nach einem in der Nachkriegszeit mehr oder minder verdienstvollen Kind der Stadt benannt. Und dann stellt sich plötzlich heraus, dass die persönliche Historie des solcherart Geehrten hässliche schwarz-braune Flecken hat.

Darf eine Straße nach einem NSDAP-Funktionär benannt sein?

So war es in München, als die nach dem ehemaligen Landesbischof Hans Meiser benannte Straße wegen dessen einstiger antisemitischer Äußerungen umtituliert wurde. So ist es in Coburg, wo der Stadtrat entscheiden muss, ob eine Straße den Namen des erfolgreichen Unternehmensgründers Max Brose tragen darf, wenn dieser in der NSDAP war, die herausgehobene Stellung eines Wehrwirtschaftsführers bekleidete und Zwangsarbeiter beschäftigte.

Und so ist es in Kassel. Dort wurde aus unerfindlichen Gründen in jüngerer Zeit ein jahrzehntelang als Haus der Jugend bekannter Treffpunkt nach dem ersten Bürgermeister der Stadt, Willi Seidel, benannt. Der Mann war Sozialdemokrat, früher städtischer Beamter und in der NS-Zeit zeitweise zuständig für die Umquartierung von Juden in sogenannte Judenhäuser, einem Zwischenstopp auf dem Weg in die Konzentrationslager.

Überall wird heftig gestritten, was nach Offenlegung der jeweiligen persönlichen Historien zu tun ist. Darf die Straße weiter den Namen tragen? Oder ehrt man so einen Menschen, der eine Schraube war, zumindest aber ein Schräubchen im Verbrecherstaat? Es gibt einige wenige klare Maximen, an denen sich Stadtverantwortliche orientieren könnten. Menschen, die in der NS-Zeit unmittelbar für den Tod anderer verantwortlich waren, haben keinen Anspruch auf ein solches Privileg. Auch nicht solche, die sich an jüdischem Vermögen bereichert haben. Und dass eine Stadt wie Coburg sich nur zu einem Namensdeal bereitfindet, weil die Firmenerben sonst nicht mehr für gute Zwecke spenden, ist ebenfalls indiskutabel.

Aber diese Faustregeln helfen in der Mehrheit der aktuell diskutierten Fälle bedauerlicherweise nicht weiter. Die Vergangenheit der fraglichen Personen war nicht mattschwarz, sondern grau meliert. Oft waren sie Karrieristen und Opportunisten, so wie die meisten Deutschen jener Zeit. Sie haben nach dem Krieg ihre wahre Historie verschwiegen oder verbogen. Aber zur Wahrheit gehört auch: Kaum einer aus der Stadtgesellschaft hat genauer nachgefragt.

München hat den Namen Meiser aus dem Stadtplan gestrichen. Anderswo heißen immer noch Straßen nach ihm. Man kann, aber man muss nicht in jedem Fall umbenennen, unter einer Voraussetzung jedenfalls. Die historische Wahrheit über den Namensgeber muss für die Nachgeborenen bewahrt werden - ein kleiner Zusatz am Straßenschild täte gute Dienste.

Auch nähme die Stadtkultur sicher keinen Schaden, wenn weniger Wege und Plätze nach Politikern oder sonstigen Prominenten benamt würden. Das deutsche Straßennetz ist schließlich keine Ersatz- Ehrengalerie.

© SZ vom 20.05.2015
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