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Museen:Stiller Raub

Immer noch profitieren viele Häuser von den Untaten der Nazis. Immer noch warten so viele Erben von Nazi-Opfern darauf, ihre Bilder zurückzubekommen.

Tausende Kunstwerke waren es, welche die Amerikaner im Jahr 1949 den Deutschen übergaben. Sie stammten aus den beschlagnahmten Sammlungen der Nazi-Größen. Der Auftrag an die Deutschen war klar: Diese Werke gehören den Juden, denen sie geraubt wurden.

Findet die rechtmäßigen Besitzer! Doch die Deutschen kümmerten sich nicht darum. Sie verteilten die Kunst auf ihre Museen, wo sie bis heute hängen, oder sie versteigerten sie zugunsten öffentlicher Kassen. Eine andere, noch skandalösere Praxis wurde soeben bekannt: Die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen und die Finanzbehörden verkauften Raubkunst auch direkt an Angehörige von Nazis (oder an sie selbst) zurück - an dieselben Leute also, denen die Amerikaner sie weggenommen hatten. An diesem Mittwoch befasst sich der bayerische Landtag damit.

Immer noch profitieren die Häuser von den Untaten der Nazis

Dass dies erst jetzt bekannt wird, hat einen einfachen Grund: Bisher hat sich niemand dafür interessiert. Deutschlands "Stunde Null" war bekanntlich nicht die Zäsur, die der Begriff suggerierte. Viele Bundesdeutsche störten sich damals nicht daran, dass Nazi-Richter, -Mediziner und -Beamte bald wieder auf guten Posten saßen. Auch nicht daran, dass dieselben Konzerne, die Teil von Hitlers Kriegsindustrie waren, vom Wiederaufbau profitierten. Erst während der 1960er-Jahre begann man, über die Kontinuitäten zu sprechen. Viele Firmen arbeiteten ihre NS-Verstrickungen auf; Juristen, Mediziner, Journalisten schwiegen nicht länger über die Verbrechen von Kollegen.

Nur bei den Kunsthistorikern und Kunsthändlern steht diese Aufarbeitung noch aus. Kaum einer von ihnen musste sich dafür verantworten, jüdische Sammler beraubt oder vom Verkauf der Werke profitiert zu haben. Im Gegenteil. Nach dem Krieg gingen alle wieder ihren Geschäften nach, sie leiteten die Museen, die sie auch unter Hitler geleitet hatten. Bis heute hält man viele dieser Händler und Museumsleute in hohen Ehren.

Das liegt nicht nur daran, dass ihre Verbrechen für weniger schwerwiegend erachtet wurden als der millionenfache Mord, den andere begingen. Und auch nicht nur daran, dass Kunst den Nimbus des Unverdächtigen, Edlen, eben Erhabenen genoss und genießt.

Es gab sehr handfeste Gründe dafür: Die Kunstschätze der Nazis waren für die deutschen Museen einfach unwiderstehlich. Hätten deren Direktoren sich der Vergangenheit ihrer Häuser gestellt, hätten sie vieles davon abgeben müssen.

1998 unterzeichnete die Bundesrepublik gemeinsam mit 43 anderen Staaten die "Washingtoner Erklärung". Sie verpflichtete sich, Raubkunst in öffentlichen Sammlungen so schnell wie möglich zu identifizieren und zurückzugeben, Archive zu öffnen, Forschung zugänglich zu machen. Doch bis heute scheuen sich Bund, Länder und Museen, diese Verpflichtung umzusetzen. Noch immer gibt es kein Gesetz, das es den einstigen Besitzern und ihren Nachkommen erlauben würde, die Werke einzuklagen. Auch sonst sind sie im Nachteil: Sie tragen die Beweislast, dass sie tatsächlich die rechtmäßigen Besitzer sind. Meist aber wohnen sie im Ausland, weil ihre Familien damals geflüchtet sind, oft sprechen sie kein Deutsch. Das macht es für sie besonders schwer bis unmöglich, ihren Besitzanspruch durchzusetzen.

Um diesen Missstand zu beheben, wurde 2003 eine Kommission unter Vorsitz von Jutta Limbach, der früheren Präsidentin des Bundesverfassungsgerichts, gegründet. Sie soll zwischen etwaigen Erben und Museen vermitteln. Doch das Gremium setzt sich ausschließlich aus ehemaligen Politikern, Juristen und Museumsleuten zusammen. Weder gibt es jüdische Mitglieder noch solche aus dem Ausland. Wer würde eine solche Kommission für neutral halten?

Gerne rühmen sich die Museen nun der Forscher, die sie ihre Bestände durchsuchen lassen. Doch über akademischem Ehrgeiz sowie der Angst, ihre Arbeitgeber vor den Kopf zu stoßen, gerät deren eigentlicher Auftrag aus dem Blick: Raubkunst zu finden und Rückgaben vorzubereiten.

Man sieht Raubkunst ihre Vergangenheit nicht an. Die meisten Museumsbesucher erfahren nie, dass deren frühere Besitzer im KZ starben oder fliehen mussten. Und dass irgendwo auf der Welt Familien leben, für die sie viel bedeutet. Doch die Museumsdirektoren und Kulturpolitiker wissen es. Solange sie nicht wirklich alles daransetzen, diese Kunst zurückzugeben, machen sie sich als Profiteure des Raubs mitschuldig. Mit jedem Tag sterben weitere Erben der Beraubten, mit jedem Jahr verblasst die Erinnerung. Doch das Unrecht in deutschen Museen wird nur größer, je länger es besteht.