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Mölln 15 Jahre nach dem Anschlag:Stadt mit Stigma

Heute kann der parteilose Bürgermeister in die Offensive gehen, kann aufzählen, wie die Stadt Geld in die Hand nimmt für eine internationale Begegnungsstätte neben einem der angezündeten Häuser und einen Streetworker, der sich um rechtsextreme Jugendliche kümmert.

Dass ihn das Stigma stört, zeigt sich nur noch an dem Satz: "Was soll durch das Immer-wieder-Aufrühren ..." - den Engelmann aber nicht beendet. Er spricht lieber über die enge Zusammenarbeit mit der Moscheegemeinde, türkische Jugendliche seien "total integriert".

Das war Anfang der neunziger Jahre ganz anders. Nach dem Anschlag planten viele der 500 Möllner Türken eine Bürgerwehr, besorgten sich Waffen, jugendliche Zuwanderer schlugen Rechtsradikale krankenhausreif. Einige türkische Familien zogen aus der Altstadt weg, die Angehörigen der Ermordeten verließen fast alle Mölln.

Inzwischen gilt die Jugend als befriedet, und Angst haben die Türken schon lange nicht mehr. Das sieht man schon daran, dass sie ihr Gebetshaus in der Altstadt nicht einmal absperren, im Versammlungszimmer hängen über dem Breitbild-Fernseher eine türkische und eine deutsche Fahne.

Kritik von türkischer Seite gibt es dennoch. "Die möchten alles klein und einfach machen", weil Mölln vom Tourismus lebe, sagt Nihat Ercan, Vizevorsitzender der Türkische Gemeinde in Deutschland aus Hamburg.

Auch Faruk Arslan, der bei dem Anschlag seine Mutter Bahide und seine Tochter Yeliz verlor und heute in Hamburg lebt, ist ein unbequemer Partner. Er würde sich das Gedenken "natürlich anders wünschen", mit mehr Teilnehmern. Eine konkrete Vorstellung hat er nicht. Er hat sich schon mehrmals über mangelnde Hilfe nach dem Anschlag und über Schikane durch Ämter beklagt.

In Mölln gilt Arslan als schwierig, man weist gerne auf seine Vorstrafen hin. Er tauche einmal im Jahr zur Gedenkfeier auf mit "einem riesigen Anspruch", sagt Marc Sauer, der seit vielen Jahren ehrenamtlich für den Verein "Miteinander leben" gegen Fremdenfeindlichkeit arbeitet. "Dadurch, dass er Opfer wurde, ist er nicht zum besseren Menschen geworden", sagt Sauer.

Auffällig ist: Die Kritik kommt von außen, von den Möllner Türken ist nichts zu hören. Die sind sehr kurz angebunden. Das Thema sei "nicht mehr so stark" und geändert habe sich auch nichts in den vergangenen Jahren sagt der Moscheevorstand Mustafa Ak. Wenn man in zwei türkischen Teestuben nachfragt, ziehen es die Männer vor, ihr Brettspiel fortzusetzen, auch der ältere Mann, dessen Familie damals in einem der Brandhäuser wohnte und glimpflich davonkam.

Wenn jemand in der Stadt das Thema niedrighängen will, dann sind es offenbar die Türken. Nur die Jugendlichen erzählen - von Schulfreunden, die Nazis geworden seien und dann den Kontakt abgebrochen hätten. "Es gibt wieder mehr Nazis, aber die prügeln nicht", sagt der Berufsschüler Tolga. Doch man erkenne sie an ihren Bomberjacken, kurzen Haaren und markigen Sprüchen.

Kurzhaarige Kerle

Mehr Nazis, ausgerechnet in Mölln, das stellt auch Axel Michaelis fest. Er arbeitet seit 1992 als städtischer Streetworker. Damals, vor den Brandanschlägen, zählte er etwa 20 rechte Jugendliche in Mölln und noch mal 50 aus der Umgebung, unter ihnen eine Handvoll Skinheads.

Eineinhalb Jahre nach den Anschlägen war die Gruppe auf einige wenige geschrumpft, die kurzhaarigen Kerle waren die neuen Hassobjekte in der Stadt. Jahrelang verharrte die rechte Jugend-Szene im Verborgenen. Doch seit einigen Jahren wachse sie wieder, sagt Michaelis. Vergangenen Juni versuchten Rechtsextreme in die Begegnungsstätte einzubrechen. Die Täter rammten vergeblich einen Fahrradständer gegen die Haustüre und hinterließen einige Nazi-Aufkleber. "Und seit einem halben Jahr gehen rechte Jugendliche wieder selbstbewusst durch die Stadt", darunter zwei Skinheads. "Warum, weiß ich nicht", sagt Michaelis.

Das heißt nicht, dass Gedenkfeiern und Holocaust-Vorträge nichts gebracht hätten. Die meisten Jungnazis, sagt Michaelis, kommen gar nicht aus Mölln, sondern von außerhalb. "In Mölln gibt es zehn rechte Jugendliche, in der Umgebung ist Rechtsradikalismus aber ein Fass ohne Boden", sagt Michaelis. Es ist ein schwacher Trost für Mölln: Auch die Brandstifter von 1992 stammten aus den Nachbarorten.