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Missbrauch an Schulen:"Weitere schallende Ohrfeige für die Opfer"

Die Odenwaldschule sucht den Neuanfang: Fünf Vorstandsmitglieder sind inzwischen zurückgetreten. Doch das reicht nicht aus, findet Opferanwalt Thorsten Kahl.

Die von Missbrauchsfällen erschütterte Odenwaldschule in Hessen sucht einen Weg aus der Krise. Der Trägerverein der renommierten Privatschule ist am Samstag zu einer Krisensitzung zusammengekommen - und zieht die Konsequenzen aus dem vor drei Wochen bekanntgewordenen Missbrauchsskandal. Fünf der insgesamt sieben Mitglieder des Vorstands der Odenwaldschule sind zurückgetreten. "Wir machen den Weg frei", begründete die ausgeschiedene Vorsitzende Sabine Richter-Ellermann. "Der Druck der Öffentlichkeit war zu groß."

Im Vorstand bleiben nur Schulleiterin Margarita Kaufmann und Geschäftsführer Meto Salijevic. Sie gehören dem Gremium zwingend durch ihre Funktion an. Neuwahlen soll es zu einem späteren Zeitpunkt geben. Voraussichtlich am 29. Mai soll ein neuer Vorstand gewählt werden.

Der Frankfurter Anwalt einiger Opfer, Thorsten Kahl, kritisierte hingegen, das Elite-Internat habe es "erneut versäumt, einen sauberen Schlussstrich zu ziehen". Seine Kritik bezog sich auf Geschäftsführer Salijevic. "Dass er nicht zurücktrat, ist eine weitere schallende Ohrfeige für die Opfer."

Salijevic deutete an, er werde mit einem neuen Vorstand auch über seine Zukunft reden. Der 57-Jährige war schon beim Aufkommen der ersten Verdachtsfälle 1999 im Amt und gilt deshalb als belastet. "Es geht jetzt darum, den Übergang zu organisieren", sagte er.

Die Schule spricht von 33 Missbrauchten, Presseberichten zufolge könnte es bis zu 100 Opfer geben. Acht ehemalige Lehrer werden beschuldigt. Die sexuellen Übergriffe sollen sich in den Jahren 1966 bis 1991 ereignet haben. Vor mehreren Tagen hatte der frühere Schulleiter Gerold Becker in einem Brief sexuelle Verfehlungen zugegeben und die Schüler um Entschuldigung gebeten.

In den vergangenen Wochen hatten sich immer mehr ehemalige Schüler gemeldet, die Becker vorwerfen, sie sexuell missbraucht zu haben. Beharrlich hatte Becker, der 73 Jahre alt ist und unter einer schweren Lungenkrankheit leidet, jede Auskunft dazu verweigert.

"Vollständige und transparente Aufklärung"

Schulleiterin Kaufmann kündigte eine "vollständige und transparente Aufarbeitung" der Vorfälle an. Geplant seien darüber hinaus eine Verbesserung der Personalauswahl, verstärkte Fortbildungsmaßnahmen für Lehrer und Änderungen in der Struktur der Schule. So solle eine Heimleitung installiert werden. "Die Odenwaldschule hat das Ziel, sich auf gesunde Füße zu stellen."

Eine Abordnung ehemaliger Schüler hatte zu Beginn an dem nichtöffentlichen Treffen teilgenommen. In der zweiten Hälfte war dann der Trägerverein unter sich. Das Gremium hat etwa 30 Mitglieder.

Gerold Becker arbeitete von 1969 bis 1985 an dem bundesweit bekannten Internat, seit Beginn der siebziger Jahre war er dort auch Direktor. Bereits Ende der neunziger Jahre hatten ihn frühere Schüler beschuldigt, sie missbraucht zu haben. Schon zum damaligen Zeitpunkt waren die Taten jedoch strafrechtlich verjährt. Im Jahr des 100-jährigen Bestehens der Odenwaldschule meldeten sich in diesem Jahr aber erneut die Opfer, und es kamen viele weitere hinzu, die erst jetzt ihre traumatischen Erlebnisse mitteilten. Außer Becker stehen an der Odenwaldschule noch sieben weitere ehemalige Lehrer unter Verdacht. Die Staatsanwaltschaft in Darmstadt hat Ermittlungsverfahren gegen mehrere Lehrer eingeleitet.

Die Missbrauchsopfer erhoben zudem schwere Vorwürfe gegen das hessische Kultusministerium und die Staatsanwaltschaft Darmstadt. Beide Behörden hätten sich 1999, als die Übergriffe Beckers bekannt wurden, durch Untätigkeit ausgezeichnet, so der Anwalt der Opfer.

Die Odenwaldschule zählt zu den bekanntesten Einrichtungen der Reformpädagogik in Deutschland. Sie wird im nächsten Monat 100 Jahre alt. Auf der Liste ihrer ehemaligen Schüler stehen bekannte Namen.

Dazu zählen der Grünen-Politiker Daniel Cohn-Bendit, der Schriftsteller Klaus Mann und ein Sohn des früheren Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker, der im Spiegel sein Schweigen zu den Vorgängen gebrochen hat. Sein 2008 gestorbener Sohn Andreas hatte Ende der 60er Jahre in der Wohngruppe des Haupttäters und Schulleiters Gerold Becker gelebt. Weder er noch seine Frau hätten von den Missbrauchsfällen "Kenntnisse gehabt, auch nicht durch Andreas", sagte Weizsäcker dem Nachrichtenmagazin.

Missbrauchsverdacht an weiterer Reformschule

Unterdessen sind in einer Reformschule im Schwarzwald nach einem Zeitungsbericht Hinweise auf bisher nicht bekannt gewordene Missbrauchsfälle in den fünfziger und sechziger Jahren aufgetaucht. Die Birklehof-Schule in Hinterzarten kündigte in einem dem Tagesspiegel am Sonntag vorliegenden Rundschreiben eine Überprüfung der eigenen Einrichtung an, die aus einem Internat und einem Gymnasium besteht. "Es scheint, dass Verfehlungen Einzelner insbesondere in den fünfziger und sechziger Jahren vorgekommen sind", hieß es in dem Schreiben.

Den Angaben zufolge wurde eine Rechtsanwältin als unabhängige Ansprechpartnerin beauftragt, der mögliche Missbrauchsfälle gemeldet werden könnten. Lehrer am Birklehof war dem Bericht zufolge von 1953 bis 55 auch der in Berlin lebende Reformpädagoge Hartmut von Hentig.

Er versicherte der Zeitung, in der Zeit, in der er in Birklehof gewesen sei, habe er von keinen derartigen Ereignissen gehört. Hentig ist der Lebensgefährte des ehemaligen Schulleiters der Odenwaldschule, Gerold Becker. Vor wenigen Tagen hatte er den Vorwurf zurückgewiesen, von den Vorfällen an der Odenwaldschule gewusst zu haben.

© sueddeutsche.de/dpa/AFP/hai/bavo

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