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Militärtransporter A400M:Am Boden

Luftwaffenstützpunkt Wunstorf

Die drei A400M-Transporter der Bundeswehr können sich nicht vor Raketenbeschuss schützen.

(Foto: Holger Hollemann/dpa)

Die Bundeswehr hadert mit ihrem neuen Transportflugzeug. Ein vertraulicher Bericht weckt Zweifel daran, dass der "A400M" bald voll einsatzbereit sein wird.

Von Jens Flottau und Christoph Hickmann, Berlin/Frankfurt

Die Risiken sind nummeriert, Risiko Nummer 7 heißt: "Begrenzte Möglichkeiten bei Triebwerksausfällen". Darunter heißt es: Wegen "sich häufender Triebwerksmängel" sowie "einer begrenzten Anzahl an verfügbaren Ersatztriebwerken" bestehe die Gefahr, dass "im Fall vermehrter Triebwerksausfälle und/oder fehlender Ersatzteile" einzelne Maschinen der deutschen A400M-Flotte über Monate nicht einsetzbar sein könnten. Die sogenannte Eintrittswahrscheinlichkeit von Risiko Nummer 7 wird auf 90 Prozent taxiert. Also recht nah bei 100.

Der Rüstungsbericht bewertet die wichtigsten Projekte vom "Puma" bis zum "Eurofighter"

Die Bewertung findet sich im "3. Bericht des Bundesministeriums der Verteidigung zu Rüstungsangelegenheiten", im vertraulichen Teil 2. Der Bericht liegt der Süddeutschen Zeitung vor, ist eine Gesamtschau der wichtigsten Rüstungsprojekte, vom Schützenpanzer Puma über den Eurofighter bis zur Fregatte der Klasse 125, und damit auch eine Art Zwischenbilanz von Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU). Vor zweieinhalb Jahren hat sie ihr Amt angetreten und sich vorgenommen, das Rüstungswesen vom Kopf auf die Füße zu stellen. Doch ganz so schnell geht es nicht. Das gilt nicht nur für den A400M.

Wobei es etwa auf Seite 75 heißt: "Die Modernisierung des Rüstungswesens ist bereits in vielen Bereichen sehr weit vorangeschritten." Allerdings ist die Lage in manchen Projekten derartig verfahren, dass es schon als Erfolg gilt, wenn die Probleme nicht noch zunehmen, also nicht alles immer noch teurer wird - und noch später kommt. "Gemessen an den jeweils aktuellen Verträgen konnte ein weiteres Anwachsen der durchschnittlichen Abweichung auf den nächsten Meilenstein vermieden werden", heißt es im Bericht. Die durchschnittliche Abweichung betrage unverändert sechs Monate. Legt man allerdings den Zeitpunkt zugrunde, zu dem sich das Parlament erstmals mit den Projekten befasst hat, liegt der Wert bei 40 Monaten, hat sich also so gut wie nicht verändert.

"Die Risiken sind jetzt zwar sichtbarer, es gibt mehr Transparenz - aber mehr hat Frau von der Leyen trotz großer Ankündigungen noch nicht erreicht", sagt der Grünen-Haushaltspolitiker Tobias Lindner. "In zahlreichen Projekten bestehen sogar erhebliche Risiken, die in der Berechnung immer noch nicht berücksichtigt sind. Beim Schützenpanzer Puma sind beispielsweise schon zahlreiche Parlamentsvorlagen angekündigt, die das Vorhaben weiter verteuern werden." Das Ministerium kontert: "Die Erwartung, auf der Basis teils 20, 30 Jahre alter Verträge eingetretene Verspätungen und Kostensteigerungen binnen kurzer Zeit zu halbieren, ist doch unrealistisch", sagt ein Sprecher. Man habe den Trend gestoppt - und die neuen Verträge folgten "anderen Regeln". Man habe "Riesenschritte" gemacht, die aber "erst in einigen Jahren voll sichtbar werden".

Die Frage ist, ob das für den A400M nicht schon zu spät ist. Dem Flieger fehle bislang "so gut wie alles", was ein Militärflugzeug brauche, so bringt es die Fachzeitschrift Loyal auf den Punkt. So verfügt die Bundeswehr mittlerweile zwar über drei Maschinen - von denen aber keine mit einem Selbstschutzsystem ausgerüstet ist, wie man es für Flüge in Krisengebiete benötigt. Ende des dritten Quartals, so kündigte es der Hersteller Airbus gerade an, werde die erste Maschine in dieser Konfiguration an die Bundeswehr geliefert. Die muss das System dann testen. Ohnehin muss die bisher genutzte Transportmaschine Transall , die vor mehr als 60 Jahren erstmals flog, wegen der Verzögerungen und Probleme noch ein paar Runden mehr drehen: bis 2021, dann soll endgültig Schluss sein.

Schlägt man allerdings im Rüstungsbericht des Verteidigungsministeriums nach, kann man durchaus Zweifel bekommen, dass der A400M dann so weit ist - etwa bei Risiko Nummer 41. Zur Vorbereitung von Flügen mit dem A400M, heißt es da, müssten vor jedem Flug die Leistungsdaten berechnet werden. Hier gebe es leider eine Vielzahl unterschiedlicher Berechnungswerkzeuge, die untereinander nicht vernetzt seien, weshalb man "umfangreiche Datenmengen" austauschen müsse. "Dies kann für einen Hin- und Rückflug bis zu über 50 Mann-Stunden Vorbereitungszeit in Anspruch nehmen, was aus operationeller Sicht nicht akzeptabel ist."

Immer wieder sind zuletzt neue Risiken publik geworden - etwa die Triebwerksprobleme oder Risse im Rumpf, die laut Spiegel kürzlich bei den französischen Streitkräften entdeckt wurden. Die Probleme mit den Triebwerken nennt Airbus-Group-Chef Tom Enders "sehr frustrierend". Für das Unternehmen könnten die finanziellen Folgen "erheblich" sein, für eine genaue Prognose sei es zu früh. Für die deutsche Luftfahrtindustrie und Airbus im Besonderen ist der Militärtransporter längst zum Albtraum geworden.

Dabei war das Flugzeug eigentlich als großer technologischer Wurf gedacht. "Wenn der A400M mal fliegt, ist er ein gutes Flugzeug", sagt Generalleutnant Karl Müllner, Inspekteur der Luftwaffe. Aber: "Die jüngsten Probleme werden auf Jahre hinaus erhebliche Auswirkungen auf den Klarstand haben, weil die Überprüfung und Nachbesserung aller Maschinen lange dauern wird. Selbst wenn alle 40 Flugzeuge ausgeliefert sind, dürfte unser Klarstand in dieser Zeit kaum deutlich über 20 hinausgehen. Das sind Risiken, die einem durchaus den Schweiß auf die Stirn treiben können." Und noch immer ist nicht klar, wie viele Maschinen Airbus in diesem Jahr überhaupt liefern kann. Ursprünglich sollten es neun sein. Noch ist keine da.

Angesichts dieser Gemengelage verschärft die Opposition den Ton. "Ich frage mich schon, was eigentlich alles noch passieren muss, bis Frau von der Leyen hier endlich gravierende Konsequenzen zieht und sich nicht weiter permanent von der Rüstungsindustrie auf der Nase herumtanzen lässt", sagt die Grünen-Verteidigungspolitikerin Agnieszka Brugger. "Stattdessen verschenkt die Ministerin immer wieder neue und schlecht verhandelte Großaufträge an den betreffenden Rüstungskonzern, als ob es die Katastrophen beim A400M nicht gäbe." Es sei "völlig unverständlich, welche Gleichgültigkeit im Verteidigungsministerium eingekehrt" sei.

Derweil deutet sich eine Debatte über die nächste Großanschaffung an. Dem A400M werden trotz aller Vorteile, die er etwa gegenüber der Transall hat, auch in Zukunft einige wichtige Eigenschaften fehlen. In Gao etwa, wo die Bundeswehr im Mali-Einsatz stationiert ist, kann er nur auf der Start- und Landebahn entladen werden, weil er zu schwer für das Gelände drumherum ist. So lange das Flugzeug entladen wird, blockiert es also die Bahn. In Luftwaffenkreisen ist daher zu hören, die ideale Ergänzung zum A400M wären zehn bis zwölf Maschinen vom Typ C-130J. Vorteil: Die gibt es von der Stange zu kaufen.

© SZ vom 04.05.2016
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