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Militärgeschichte:Welt in Waffen

Einem monumentalen Sammelband, herausgegeben von Bruno Cabanes, gelingt es, zahllose Aspekte moderner Kriege zu analysieren und einzuordnen. Mehr als 50 namhafte Autoren trugen dazu bei.

Von Stig Förster

Alle Illusionen, dass die Menschheit nach dem Ende des Kalten Krieges in eine friedlichere Epoche ihrer Geschichte eintreten würde, sind längst zerstoben. Es ist deshalb kein Zufall, dass in den vergangenen drei Jahrzehnten das wissenschaftliche Interesse am Phänomen Krieg international zugenommen hat. Seriöse Verlage haben auch in Deutschland mit entsprechenden Publikationen einen neuen Markt erschlossen. Die Hamburger Edition hat nun das monumentale Sammelwerk, das der in den USA lehrende Militärhistoriker Bruno Cabanes in seinem Heimatland Frankreich herausgegeben hatte, in deutscher Übersetzung vorgelegt.

In seiner Einleitung legt Cabanes die Zielsetzung des vorliegenden Bandes dar. Im Kern geht es um den Wandel des modernen Krieges seit dem frühen 19. Jahrhundert, genauer gesagt seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert. Cabanes präzisiert sofort, was er unter dem schwammigen Begriff "modern" versteht. Seit der Französischen Revolution ist es zur immer weitergehenden Einbeziehung der Bürger in den Krieg gekommen. Die Mobilisierung der Gesellschaft führte zum Verschwimmen der Grenzen zwischen Kombattanten und Nichtkombattanten. Zivilisten wurden zu tragenden Säulen der Kriegsanstrengungen, damit aber auch zu Zielscheiben des Gegners.

Man kann darüber streiten, ob das nun alles so neuartig und "modern" war. Schließlich gab es in den Kriegen der Griechen und Römer im Altertum durchaus ähnliche Tendenzen. Aber es ist klar, was Cabanes meint: Krieg im Zeitalter der Totalisierung. Zu Recht weist Cabanes dabei darauf hin, dass die damit verbundene Entwicklung keineswegs gradlinig war. Vielmehr vollzog sich der Wandel des Krieges chaotisch und in Sprüngen. Doch letztlich nahm er immer gewaltigere Dimensionen an, verursachte entsetzliche Zerstörungen und gewöhnte ganze Generationen an das Phänomen des Massentodes. Seit 1914 forderten Kriege etwa 150 Millionen Tote - mehr als zwei Drittel waren Zivilisten.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs nahmen asymmetrische Konflikt stark zu

Angesichts der enormen Komplexität im Wandlungsprozess des Krieges wählt der Band einen multimethodischen Ansatz, der den Krieg als gesamtgesellschaftliches Ereignis und als kulturellen Akt begreift. Dementsprechend gilt es, den Facettenreichtum dieser Entwicklungen möglichst umfangreich abzubilden und zu analysieren. Bruno Cabanes ist es gelungen, eine große Anzahl internationaler Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen für dieses Projekt zu gewinnen. Außer jüngeren Autoren finden sich prominente Namen wie David A. Bell, Sir Hew Strachan, Alan Forrest, Richard Overy, John Horne, Stéphane Audoin-Rouzeau, Robert Gerwarth, Karen Hagemann und Annette Becker. Das Buch umfasst insgesamt 63 Beiträge, die in vier Kapiteln eingeordnet sind: 1. "Der moderne Krieg", 2. "Soldatische Welten", 3. "Kriegserfahrungen" und 4. "Kriegsfolgen". Dabei werden so unterschiedliche Themen wie "Krieg und Recht", "Umweltzerstörung", "Das Drohnen-Zeitalter", "Die Welt der Partisaninnen und Partisanen", "Vergewaltigung: eine Kriegswaffe?" und "Die Gespenster von My Lai" behandelt. Marius Loris steuert einen informativen Aufsatz über die todbringende Kalaschnikow bei: "Die AK-47 erobert die Welt".

Selten ist Krieg so, wie er nach siegreichem Kampf gern dargestellt wird: In Vietnam erinnert eine heroische Statue (Foto von 2004) an die Schlacht von Dien Bien Phu, als 1954 die französischen Kolonialherren überwunden wurden.

(Foto: AFP)

Natürlich kann an dieser Stelle nicht auf alle Beiträge eingegangen werden. Aber einige Aufsätze, die im Hinblick auf die generelle Thematik des Buches - dem Wandel des modernen Krieges - besonders relevant erscheinen, werden im Folgenden kurz vorgestellt. David A. Bell betont in seiner Einleitung zum ersten Kapitel, dass die Zeit nach 1945 einen fundamentalen Bruch in der Entwicklung des modernen Krieges darstellt. Bis zu diesem Jahr war der symmetrische Krieg zwischen souveränen Staaten die Norm militärischer Auseinandersetzungen. Doch danach wurden derartige Kriege seltener, weil das damit verbundene Risiko für die Staatsführungen zu groß geworden war. Stattdessen wurden asymmetrische Kriege immer prominenter. Sie traten und treten in verschiedenen Variationen auf: Bürgerkriege, Kolonialkriege, Guerillakriege und Terrorismus. Hew Strachan pflichtet diesem Befund in seinem Beitrag bei. Strachan analysiert den Niedergang eines traditionell zentralen Aspekts des Krieges, nämlich der Schlacht und erst recht der Entscheidungsschlacht. In den beiden Weltkriegen des 20. Jahrhunderts reduzierte das Ausufern von Schlachten in monatelange, extrem blutige und unübersichtliche Kämpfe die Bedeutung der Schlacht für den Ausgang des Krieges. Abnutzung in einem jahrelangen Ringen entwickelte sich zur Norm. Mit Beginn des Atomzeitalters wurde die Schlacht in den Auseinandersetzungen zwischen den Supermächten gänzlich obsolet, musste ein solcher Waffengang, der nur katastrophale Folgen haben konnte, doch unbedingt vermieden werden. Im asymmetrischen Krieg wurde die Schlacht zu einem seltenen Phänomen.

Grundsätzlich erscheinen diese Argumente einleuchtend. Es ergibt sicherlich Sinn, die Zeit nach 1945 als tiefen Einschnitt in der Geschichte des Krieges zu betrachten. Doch auch hier war die Entwicklung nicht gradlinig. Der Koreakrieg, der Vietnamkrieg, die Kriege im Nahen Osten sowie zwischen Irak und Iran demonstrierten, dass der Krieg zwischen souveränen Staaten keineswegs ausgestorben war. Auch Schlachten fanden nach wie vor statt, so etwa bei Dien Bien Phu (1954). Die Panzerschlacht von Susangerd, die im Januar 1981 zwischen iranischen und irakischen Verbänden ausgefochten wurde, ähnelte entsprechenden Kämpfen im Zweiten Weltkrieg. Und was die Zukunft bringt, ist ohnehin ungewiss.

Im Zuge der Totalisierung des Krieges kam es bis 1945 zum Aufstieg des Kriegsstaates, wie Richard Overy darlegt. Der Staat, und zwar sowohl Diktaturen als auch Demokratien, griff auf die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Ressourcen des Landes in bis dahin unvorstellbarer Weise zu. Moderne Technologien, Kommunikationsmittel, Repression und Propaganda ermöglichten vor allem im Verlauf der Weltkriege den Regierungen und Behörden ein hohes Maß an Kontrolle über Menschen und Material. In den Atomstaaten des Kalten Krieges wirkten die damit entstandenen Strukturen weiter.

Bruno Cabanes (Hg.): Eine Geschichte des Krieges. Vom 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart. Aus dem Französischen von Daniel Fastner, Michael Halfbrodt und Felix Kurz. Hamburger Edition, Hamburg 2020. 903 Seiten, 39 Euro.

Die Totalisierung des Krieges, welche die offiziell propagierten Trennlinien zwischen Militär und Zivil einebnete, machte auch die Unterscheidung nach Geschlechtern im Krieg zur Schimäre. Die "Heimatfront" war eine Erfindung der Propaganda, wie Karen Hagemann aufzeigt, und hatte mit der Realität wenig zu tun. Frauen waren als Trägerinnen der Kriegswirtschaft, aber auch als Opfer von Krieg und Genozid auf ihre Weise genauso involviert wie Männer.

Die Hoffnung, zum status quo ante bellum zurückzukehren, erweist sich meist als Illusion

Wer aber waren und sind die Kombattanten im modernen Krieg? Dieser Frage geht John Horne nach. Er zeigt dabei die Entwicklung von der Wehrpflichtarmee über die verstärkte Einführung von Berufsarmeen nach dem Ende des Kalten Krieges bis hin zu den Verbänden von Guerillas und Terroristen. Auffällig ist dabei, dass zunehmend auch Frauen zunächst als Hilfskräfte in Uniform, dann als Kombattantinnen und schließlich sogar als menschliche Bomben auftraten. Hinzu kommt das erschreckende Phänomen der Kindersoldaten, das Manon Pignot untersucht. Der moderne Krieg wird auf diese Weise allumfassender.

Dementsprechend gestalteten sich auch die Erfahrungen, die Menschen im Krieg machten, immer komplexer. Die voranschreitende Technisierung des Krieges richtete entsetzliche Schäden an, ließ die Opferzahlen ins Exorbitante steigen und verursachte bei den Überlebenden schwere Traumata. Ob allerdings der moderne Krieg eine beispiellose Intensivierung der Gewalt mit sich brachte, wie Audoin-Rouzeau schreibt, ist insofern zu bezweifeln, als die wiederholt genozidale Kriegführung im Altertum oder etwa das Grauen des Dreißigjährigen Krieges den Schrecken der Weltkriege kaum nachstanden. Es ist wohl auch eine Erkenntnis, die generell für die Auswirkungen von Kriegen gilt: Die Hoffnung, nach Beendigung der Kampfhandlungen zum status quo ante bellum zurückkehren zu können, erweist sich fast immer als Illusion, wie Henry Rousso betont. Denn der Krieg hat zu viel zerstört, zu viel verändert und zu stark auf die Individuen und die Gesellschaft eingewirkt, um die Wiederherstellung einer angeblich guten alten Zeit zu erlauben.

Über Details kann man streiten. Nicht alle Beiträge sind von gleicher Qualität. Doch es handelt sich um ein wichtiges Buch, das zum Nachdenken anregt. Dem Verlag ist zu danken, dieses Werk deutschsprachigen Lesern zugänglich gemacht zu haben. Mehr als störend ist allerdings der exzessive Gebrauch von Gendersternen. Diese umstrittene Maßregel behindert nicht nur den Lesefluss, sondern nimmt groteske Formen an, wenn sie etwa auf ausschließlich männliche Truppenkörper Anwendung findet. Ansonsten aber ist die Aufmachung des Buches trotz einiger Druckfehler durchaus ansprechend.

Stig Förster ist emeritierter Professor für Geschichte an der Universität Bern. Er hat zu den Themen Krieg, Gewalt und Imperialismus publiziert und schreibt zurzeit ein Buch über "Deutsche Militärgeschichte seit der Renaissance".

© SZ vom 12.10.2020

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