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Meine Presseschau:Rechte Schuld und linke Schuld

Hubert Wetzel

Hubert Wetzel ist USA-Korrespondent der SZ.

Ein geteiltes Land: In den USA streiten die Kommentatoren über die Verantwortung für zwei Attentate.

Zwei Angreifer, zwei Massaker, mehr als dreißig Tote - es wäre ein Wunder gewesen, wenn im tief gespaltenen, aufgehetzten Amerika die vielen Kolumnisten und Kolumnistinnen, die dafür bezahlt werden, immer zu allem ihre Meinung zu sagen, einmal still gewesen wären. Die Kommentatoren in den beiden politischen Lagern machten sich lieber sofort daran, der schockierten Nation zu erklären, welche Schuld das jeweils andere Lager an den Bluttaten trage - nach dem Muster: Deren Attentäter ist schlimmer als unser Attentäter.

Die Linken zeigen auf das Massaker in El Paso. Dort hat vor einer Woche ein offenbar rassistisch motivierter Attentäter in einem Walmart um sich geschossen. Er habe Amerika vor der "Invasion" von Migranten aus Lateinamerika retten wollen, ließ er wissen. Für Amerikas Linke ist klar, dass der wahre Schuldige hinter diesem Verbrechen der Präsident ist. Schließlich redet auch Donald Trump dauernd von einer angeblichen "Invasion" an der Grenze, die abgewehrt werden müsse. "Trump ist ein weißer Nationalist, der Terrorismus befeuert", lautete die Überschrift über einem Stück der Kolumnistin Michelle Goldberg in der New York Times. In dem Artikel nannte sie Trump einen "Demagogen", der rechter Gewalt Vorschub leiste und die Sprache der Rassisten und Rechtsextremen im Alltag salonfähig mache.

Das wiederum erbost die Konservativen. Die Rechten zeigen deswegen auf das Massaker in Dayton. Der dortige Täter stand politisch offenbar ziemlich weit links, auf Twitter hatte er Sympathiebekundungen für die linksliberale demokratische Präsidentschaftskandidatin Elizabeth Warren und für die Gruppe Antifa gepostet. Die Kolumnistin Ann Coulter, eine reaktionäre Betonköpfin, wenn man das so sagen kann, warf in einem Artikel auf der rechten Internetseite Breitbart ihren linken Kollegen vor, die politische Einstellung des Dayton-Attentäters zu ignorieren. Lege man an diesen die gleichen Maßstäbe von Schuld und Verantwortung an wie an den Angreifer von El Paso und Trump, "dann müsste jeder demokratische Präsidentschaftskandidat umgehend auf die Liste der Terrorverdächtigen gesetzt werden".

Die normalen Amerikaner fragen sich derweil, was aus ihrem Land eigentlich geworden ist. Woher der Hass kommt. Und warum ihre Politiker nichts gegen das Gemetzel tun. "Wann ist genug eigentlich genug?", fragte die Powell Tribune, das Lokalblatt der Kleinstadt Powell in Wyoming. Das ist eine erzkonservative Gegend, Trump-Land. Doch selbst dort weiß man, dass Waffen, die für den Krieg entwickelt wurden, nicht in die Hände von hassenden, psychisch gestörten Menschen gehören: "Sollten wir damit nicht vorsichtiger sein?"