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Meine Presseschau:"Feuerball im Nahen Osten"

Dunja Ramadan ist Redakteurin im außenpolitischen Ressort der SZ.

(Foto: Bernd Schifferdecker)

Trumps Truppenabzug sorgt in den arabischen Medien für große Unruhe.

Die Ankündigung von US-Präsident Donald Trump, die amerikanischen Truppen innerhalb weniger Monate aus Syrien abziehen zu wollen, traf auch die arabische Medienlandschaft völlig unvorbereitet. Vor allem in den Nachbarländern Syriens wird der Abzug mit Sorge betrachtet.

In der jordanischen Tageszeitung al-Dostor vergleicht der Journalist Areeb al-Rantawi Trumps Außen- und Sicherheitspolitik mit der des 2011 getöteten libyschen Diktators Muammar al-Gaddafi: "Er gibt eine Richtung vor und bewegt sich dann in die entgegengesetzte." Gerade noch wollte Trump den iranischen Einfluss in Syrien eindämmen und den syrischen Machthaber Baschar al-Assad in Ketten legen, so al-Rantawi, und im nächsten Moment mache er genau das Gegenteil. Die großen Verlierer seien die bislang von den USA unterstützten demokratischen Kräfte Syriens und die Israelis, die den wachsenden iranischen Einfluss im Nachbarland fürchten. Die Gewinner seien Syrien, deren Verbündete Iran und Russland sowie die libanesische Schiitenmiliz Hisbollah. Vor allem hält al-Rantawi es für einen Erfolg für die Türken. Nun könnten diese das kurdische Unabhängigkeitsbestreben "ein für allemal" beenden.

In Libanon herrscht vor allem die Sorge vor einem neuen Krieg mit Israel. Trump habe mit seiner Entscheidung einen "Feuerball" in das Herz des Nahen Ostens geworfen, schreibt Asaad Haidar in der libanesischen Zeitung al-Mustaqbal. Hisbollah, der "siamesische Zwilling" Irans und damit auch Erzfeind Israels, habe durch Trumps Entscheidung neuen Aufwind bekommen. Nach dem Abzug der Amerikaner bestehe nun die reale Gefahr, dass Israel Libanon unter dem Vorwand seiner Sicherheit angreifen werde, so Haidar. "Und es besteht kein Zweifel daran, dass Trump Israel dabei unterstützen wird." Trump hinterlasse Chaos und rufe dann den Europäern vom Balkon des Weißen Hauses zu: "Zeigt mir mal, was eure europäische Armee so schaffen kann, wenn sie uns ersetzen soll."

In der syrischen Zeitung Al-Baath, benannt nach der Partei des Präsidenten Assad, sieht man die Dinge natürlich anders. Imad Salim schreibt, die Begründung der USA, Syrien wegen des vollbrachten Sieges über die Terrororganisation Islamischer Staat zu verlassen, sei eine Lüge. Die Miliz sei, das wüsste doch die ganze Welt, von den Amerikanern überhaupt erst gemacht worden. In den vergangenen sieben Jahren hätten die USA deren kriminelle Praktiken verdeckt und ihr beim Öldiebstahl und dem Verkauf an den türkischen und europäischen Markt geholfen.

Die vom saudischen Staat finanzierte Zeitung Al-Sharq al-Awsat sieht den Abzug der US-Truppen kritisch. Riad fürchtet wegen des wachsenden iranischen Einflusses in Syrien um seine Vormachtstellung im Nahen Osten. Ilyas Harfoush schreibt, dass Trumps Entscheidung Assad im Amt bestätige. Der Traum von einem politischen Wandel in Syrien werde wohl ein Traum bleiben. Deshalb gebe es für die USA keinen Grund mehr, so Harfoush, jene Kräfte noch weiter zu unterstützen, die bis zuletzt an diesem Traum festgehalten hätten.

© SZ vom 22.12.2018
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