bedeckt München 17°
vgwortpixel

Meine Presseschau:Einsamer Egoist

Christoph Gurk berichtet als Korrespondent für die Süddeutsche Zeitung aus Lateinamerika.

Brasilianische Medien kritisieren die Corona-Verharmlosung durch Jair Bolsonaro scharf. Doch in den Armenvierteln der Städte findet der Präsident Zuspruch.

Zuletzt ist die Zahl der Corona-Patienten in Brasilien sprunghaft angestiegen. Dennoch wandte sich Präsident Jair Bolsonaro am Dienstagabend an sein Volk und erklärte, Covid-19 sei kaum mehr als eine "gripezinha", eine kleine Grippe. Es sei an der Zeit, zur Normalität zurückzukehren. Der Präsident setze Brasilien dem Risiko einer Pandemie aus, schrieb daraufhin die konservative Tageszeitung O Globo, das Flaggschiff des gleichnamigen Medienimperiums aus Rio de Janeiro. Globo ist konservativ ausgerichtet, hat sich aber seit Längerem mit Bolsonaro überworfen. Dieser habe sich vom Rest der Politiker isoliert und sei ein "einsamer Egoist", schreibt die Zeitung.

Noch deutlicher wird Folha de S. Paulo, Brasiliens größte Tageszeitung. Noch am Montag hatte die Folha gemeinsam mit mehreren anderen Blättern, darunter auch O Globo, ein einheitliches Titelbild gedruckt: "Gemeinsam besiegen wir das Virus!" Nach der Rede des Präsidenten war dann aber endgültig klar, dass er dabei keine Hilfe sein würde. Die konservative Folha rief darum Bolsonaro offen zum Rücktritt auf: "Presidente, retire-se!" Ein beachtlicher Schritt - und eine weitere Eskalation im Streit Bolsonaro vs. "die Medien".

Schon letztes Jahr hatte der rechtsextreme Politiker alle Regierungsabonnements der Folha abbestellen lassen und Unternehmen gedroht, die Anzeigen in der Zeitung schalten. Gegen das Internetportal The Intercept wurden sogar Ermittlungen eröffnet. Der brasilianische Ableger der US-amerikanischen Nachrichtenseite hatte die Regierung damals mit Leaks in Bedrängnis gebracht. Nun berichtet die Seite als eine der wenigen über die Stimmung in einem der ärmeren Vierteln des Landes. Hier rekrutieren sich viele Bolsonaro-Wähler. "Er hat gewonnen", schreibt The Intercept darum. "Und wir werden verlieren."

© SZ vom 28.03.2020

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite