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Meine Presseschau:Die wahre Katastrophe

In Indien stehen Millionen Wanderarbeiter vor dem Nichts, doch die Nation nimmt vom Ausmaß der humanitären Krise erst spät wirklich Kenntnis - nicht zuletzt deshalb, weil die Medien erst spät darüber berichten.

Von Arne Perras

Die Kolumnistin Tavleen Singh brachte es schon Anfang Mai selbstkritisch zur Sprache: "Die wirklichen Geschichten dieser Pandemie werden nicht erzählt", schrieb sie im Indian Express. Sie meinte die Geschichten der Gestrandeten. Millionen Wanderarbeiter hat der Lockdown seit Ende März an den Abgrund getrieben, und Singh kritisierte, dass "wir in den Medien" ihrer Aufgabe nicht gerecht würden, dass zu wenige Journalisten dem Schicksal dieser Familien nachspürten. Später stieg die Aufmerksamkeit, auch weil sich die Not der Wanderarbeiter zunehmend in chaotischen bis absurden Bildern in Zeiten von Abstandsgebot und Corona spiegelte. Schlaglichter der Ausweglosigkeit. Zehntausende Tagelöhner drängten sich an Busbahnhöfen oder Bahnsteigen zusammen, verzweifelt, hungrig, manchmal gar Steine werfend, als könnten sie sich so aus ihrer Zwangslage befreien. Weil es keine Züge und Busse mehr gab, machten sie sich zu Fuß auf den Weg nach Hause, Hunderte Kilometer, ohne Proviant und ohne Geld. Erst Mitte Mai rückte die größte Zeitung des Landes, die Times of India, die "Karawane des Elends" auf ihre Seite eins. Und die Regierung von Premier Narendra Modi? Covid-19 hat sie kaum unterschätzt, was man am raschen und umfassenden Lockdown sieht. Doch zugleich hinterlässt sie den Eindruck, als habe sie das Schicksal der Wanderarbeiter lange ignoriert. "So hat sie eine der schwersten humanitären Krisen hervorgerufen, die Indien je gesehen hat", kommentierte die Hindustan Times.

© SZ vom 23.05.2020

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