Meeresschutz:Nordsee ist Müllsee

Ghostnets recovering in the North Sea Sanctuary Greenpeace birgt Netze im Sylter Aussenriff

Schmutziger Fang: Aktivisten auf der Arctic Sunrise bergen ein sogenanntes Geisternetz aus dem Meer vor Sylt.

(Foto: Bente Stachowske/Greenpeace)

Millionen Tonnen Plastik landen jedes Jahr im Meer. Vor allem alte Fischernetze werden für Wale und Robben zu tödlichen Fallen. Mit dem Greenpeace-Schiff "Arctic Sunrise" auf Aufräum-Fahrt.

Von Peter Burghardt

Sanft glitzert die Nordsee unter der Sonne, als die nächste Expedition zur Müllkippe beginnt. Solche Schönwetterperioden sind eher selten in dieser Gegend und für diesen Anlass sehr willkommen. Stürme und Kriege haben hier allerlei Schiffe in die Tiefe gerissen, unweit von einem Wrack drosselt die Arctic Sunrise ihre Fahrt. Die sanften Wellen behagen selbst empfindlicheren Gästen, so erzählt man sich beim Essen in der Messe entspannt von den Wogen und Seekrankheiten bei anderen Missionen. Den Profis in den Gummianzügen kommt das Klima ebenfalls entgegen. Sie wollen jetzt wieder das Meer aufräumen.

Gegen 14 Uhr ist die Position für diesen Tauchgang fristgerecht zum Frieden der Gezeiten erreicht, Stauwasser nennt sich das. 55° 02 078 Nord, 7° 36 490 Ost, 27 Seemeilen westlich von List. Sylter Außenriff heißt dieses Schutzgebiet jenseits der deutschen Lieblingsinsel, aber so richtig geschützt wird die Gegend nicht. Deshalb ist die Arctic Sunrise mit ihren Regenbogenfarben und dem Schriftzug Greenpeace da. Es gibt reizvollere Tauchreviere auf diesem Erdball, Freunde von Goldschätzen und Korallen zum Beispiel mögen die warme Karibik. "Wir sind hier, um einen Job zu machen", sagt Thilo Maack, "um auf ein Umweltproblem hinzuweisen." Er schultert die gelbschwarze Sauerstoffflasche, 31,4 Kilo schwer, zieht die türkisfarbenen Flossen an und springt durch die Luke ins kalte Wasser.

Das Umweltproblem hängt in diesem Fall an einem versunkenen Dampfer. Seinen Standort markiert eine rote Boje, die tags zuvor während einer Erkundung befestigt worden ist. Thilo Maack gleitet zwischen Schlauchbooten hinab, sein Tiefenmesser wird bald 23,9 Meter anzeigen. Gemeinsam mit dem Hamburger Meeresbiologen und anderen Greenpeace-Aktivisten machen sich mehrere Teams der holländischen Vereinigung Ghost Fishing auf den Weg. Die Ökologen erinnern seit 2012 daran, dass sich am Meeresboden neben weiteren Abfällen auch das sammelt, was Fischer verlieren: kilometerlange Kunststoffnetze, die für Tiere zu tödlichen Fallen werden und als Mikropartikel auch in den Mägen von Menschen landen. "Wir zeigen, was da unten los ist", sagt Pascal van Erp, der die Geisterfischer anführt.

Allein die Fischerei verliert jedes Jahr eine Million Tonnen Plastikmüll. So viel wiegen 5000 Blauwale

Von oben sieht man ja keine Geisternetze, Algen und Plankton lassen das Meer blaugrün leuchten. Im Dunst ist der Offshore-Windpark Butendiek zu erkennen. Ihr Versteck macht die maritimen Mülldeponien umso gespenstischer. Bis zu 13 Millionen Tonnen Plastik werden jedes Jahr in die Meere gespült, geworfen oder gezerrt, ein Zehntel davon hinterlässt die Fischerei. Das sei so viel, wie 5000 Blauwale wiegen, hat Greenpeace ausgerechnet. Dazu passt, dass im Frühjahr 30 Pottwale an norddeutschen Küsten gestrandet sind, nachdem sie Tintenfischschwärmen gefolgt waren, die Orkane aus dem Atlantik getrieben hatten. In vielen Kadavern fand sich Plastik im Verdauungstrakt, in dreien steckten ganze Netze. Die Welternährungsorganisation schätzt, dass jährlich allein vor Europa 1250 Kilometer Schlepp- und Stellnetze enden, 25 000 Stück. Oft bleiben sie an einem versunkenen Schiff hängen und fangen herrenlos weiter.

Ein Haufen bunten Knüpfwerks liegt nach den Rettungsaktionen an einem untergangenen norwegischen Frachter und anderen Havaristen an Achterdeck. Seit Tagen kreuzt die Arctic Sunrise unter der Flagge der Niederlande zwischen Cuxhaven, Esbjerg in Dänemark und diesem Einsatzgebiet. Der Eisbrecher erlebt auf seine alten Tage gerade ein neues Abenteuer.

Auf dem Forschungsschiff aus dem Jahre 1974 fuhr Greenpeace seit 1996 gegen die Überfischung vor Westafrika an, für Wale durch das südliche Polarmeer, gegen Kahlschläger den Amazonas hinauf oder stellte vor Estland einen Gifttanker. 2013 wurde das schwimmende Schlachtross berühmt, als sich vor Murmansk russische Spezialkräfte über dem Hubschrauberlandeplatz am Heck abseilten und die Crew mitnahmen. Die Naturschützer hatten die Bohrinsel Priraslomnaja des Staatskonzern Gazprom geentert, um gegen die polare Ölförderung zu demonstrieren, das missfiel Putins Kreml. Erst nach Monaten und einem Urteil des Seegerichtshofs entließ Moskau die 30 Frauen und Männer.

Eine wackere Brasilianerin von damals gehört auch diesmal zur Besatzung aus zehn Nationen. Das Kommando führt der knorrige Brite Derek Nicholls, er war vor deren Versenkung durch Frankreichs Geheimdienst in Auckland mal stellvertretender Kapitän der legendären Rainbow Warrior. Vor dieser Operation Geisternetze durchpflügte die Arctic Sunrise unter seiner Leitung bei minus 30 Grad das Packeis vor Spitzbergen und überstand den wilden Nordatlantik. Wegen ihrer rollenden Bewegungen bei Seegang trägt sie den Kosenamen "Die Waschmaschine", da ist dies ein vergleichsweise ruhiger Auftrag. Der Dieselmotor tuckert im Takt.

Nach einer guten halben Stunde tauchen die ersten Suchmannschaften wieder auf. Ihre Beute folgt. Maschen und Schnüre hängen an Leinen der Beiboote, werden von den Schiffskränen über die Reling gehoben und auf das zuvor gesammelte Material gepackt. Ein Wirrwarr in Braun, Grün, Rot, Orange. Es sei nicht die Frage, ob man etwas finde, "sondern wie viel", versichert Ghost-Fishing-Chef Pascal van Erp. Sie treffen auch mal auf ein Fernsehgerät, einen Ofen oder Bierdosen, was halt so alles ins Meer geworfen wird. Devotionalien wie Anker lassen sie respektvoll liegen. Und gemütlich ist es da drunten natürlich nicht. "Acht Grad, zehn bis 40 Zentimeter Sicht, starke Strömung", schnauft Thilo Maack, würdigt aber auch die Begegnung mit Schönheiten wie Seeanemonen, Quallen und Leierfisch.

Er befreit einen Taschenkrebs aus dem Flechtwerk: "Passt auf die Scheren auf!" Er schneidet einen Seestern aus den Schlingen, wäscht ein bräunliches Kleingetier frei: "Wir können nicht alle retten." Die Überlebenden werden wieder ins Wasser versetzt. Zurück bleiben die geborgenen Reste der vergesslichen Fischerei.

Der Aufwand ist gewaltig, fast skurril. Doch unter den Zeugen befinden sich Reporter. Die PR-Experten von Greenpeace wissen, dass nur mit solchen Medienaktionen auf die tückischen Verluste im Meer aufmerksam gemacht werden kann.

Die Sandbänke, Riffe und Fische stehen unter Schutz - aber nur auf dem Papier

Denn laut EU-Gesetz dürften da gar keine Netze herumliegen. Laut Reglement müssten die Fischer oder zumindest der Staat für Ordnung sorgen. Außerdem ist das Sylter Außenriff eine jener Regionen in europäischen Gewässern, die Brüssel seit 2007 pflegen will. Gemäß der Verordnung Natura 2000 sollen Schweinswale, Maifische oder Sandbänke und Riffe in Ruhe gelassen werden. "Der Schutz findet nur auf dem Papier statt", klagt Thilo Maack. Die Behörden tun wenig, obwohl auch Seehunde, Kegelrobben oder Schweinswale leiden. Greenpeace versenkt große Steine als natürliche Barrieren, die in Seekarten notiert werden. Aber wie gehabt ist dies ein Fangrevier auf der Jagd nach Kabeljau, Seezunge, Scholle, Steinbutt, Krebs oder Hummer. Nach wie vor wird Kies und Sand gefördert. Noch immer übt nicht weit entfernt das Militär.

Eine Tonne verlorenes Netzwerk befreien die Taucher in zehn Tagen von drei Wracks. Da kann sich jeder ausrechnen, was bei 1000 Schiffswracks allein in der Nordsee zusammenkäme. Das Zeug verrottet erst in Jahrhunderten, winzige Partikel wurden außer in Walen und Würmern auch in Fisch, Garnelen oder Muscheln entdeckt. Fischereiminister Christian Schmidt dürfe nicht länger wegschauen, verlangt Greenpeace. Er müsse sicherstellen, dass die Gesetze umgesetzt werden.

Am strahlenden Freitagmorgen läuft die Artic Sunrise in Hamburgs Hafen ein und macht zur Besichtigung am Wochenende an den Landungsbrücken fest. An Bord die ganz realen Geisternetze.

© SZ vom 14.05.2016
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