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Liu Xiaobo:Angst vor dem Sterbenden

Chinas Behörden spielen ein grausames Spiel mit dem Sterbenden.

Von Christoph Giesen

Eine verkommene Propaganda-Show spielt sich da ab. Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo hat Krebs im Endstadium, er wird bald sterben. Jeden Abend nun stellt das Krankenhaus in Shenyang ein knappes Bulletin auf seine Website: Nierenfunktion eingeschränkt, Bauchfell entzündet, der Krebs weiter gewachsen. Septischer Schock. Intensivstation. Ohne Empathie, klinisch kalt, so liest sich das.

Medizinisch mögen diese Mitteilungen akkurat sein, die Wahrheit ist aber, dass Lius Behandlung die Behörden übernommen haben. Sie verfassen Bulletins ihres Trotzes: Seht her, er stirbt, und ihr Besserwisser in Deutschland und den USA könnt das auch nicht aufhalten. Am Wochenende hatten Ärzte aus Heidelberg und Houston Liu untersucht. Öffentlich plädierten sie für eine Verlegung ins Ausland. Dann stellte jemand ein heimlich aufgenommenes Video ins Netz, in dem die ausländischen Mediziner ihre chinesischen Kollegen loben. Genau das war das Narrativ der chinesischen Regierung: Alles ist gut, Liu muss nicht ins Ausland.

Die Führung in Peking fürchtet sich vor einem todkranken Mann und konstruiert medizinische Ausflüchte. Dabei ertappt, erhöht der Apparat die Schlagzahl: Bulletins, Videos und Hetze im Internet. Ein Kämpfer für die Menschenrechte und die Demokratie in China wird reduziert auf schlechte Nierenwerte und Metastasen. Es ist so unwürdig.

© SZ vom 12.07.2017

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