bedeckt München 33°

Literarische Reportage:Boom der Wahrheit

Zwei Sammelbände zeigen die Größe einer literarisch-journalistischen Gattung, die nirgendwo so gut gedeiht wie in Lateinamerika.

Von Sebastian Schoepp

Wer eine "Crónica" schreiben will, kann das Googeln vergessen. Sie entsteht im Staub der Straße. Wer eine Crónica schreiben will, hängt mit minderjährigen argentinischen Entführerbanden ab - nicht einen Nachmittag lang, sondern Wochen. Wer eine Crónica schreiben will, besucht mexikanische Mörderinnen im Gefängnis oder schuftet sechs Monate in einem Armenviertel Bogotás für den Mindestlohn. Andrés Felipe Solano beschreibt seinen Aufbruch zu diesem journalistischen Selbstversuch so: "In meinem Geldbeutel steckt ein kleiner Kalender, um die Tage durchzustreichen, die ich als ehrlicher Lügner verbringen werde: sechs Monate, in denen ich sein werde, wer ich nicht bin, und herausfinden werde, wer ich sein könnte."

Die Crónica, die literarische Reportage aus Lateinamerika, ist ein Mischwesen aus Journalismus und Literatur, "eine Erzählung, die wahr ist", wie Gabriel García Márquez gesagt hat, der selbst als Reporter anfing. Warum diese Form gerade in Lateinamerika verbreitet ist, das hat der kolumbianische Reporter Alberto Salcedo Ramos einmal damit erklärt, dass Geschichten eben das Einzige seien, woran der Halbkontinent wirklich reich sei. Die Erzähltradition ist stark und weit verbreitet. Längst aber ist die Wahrheit bei Lesern und Hörern populärer als erfundene Geschichten, Folge des gesellschaftlichen Wandels von der Epoche der tropenüberwucherten "Einsamkeit" hin zu offenen Bürgergesellschaften. Manche sprechen schon von einem Boom der Reportage, ähnlich dem literarischen Boom der 1960er-Jahre.

Carmen Pinilla, Frank Wegner (Hrsg.): "Verdammter Süden". Edition Suhrkamp, Frankfurt am Main 2014. 315 Seiten, 20 Euro.

Erstmals verschaffen nun zwei Sammelbände dem deutschsprachigen Publikum einen Überblick über das Genre. "Atención!" entstand in Zusammenarbeit mit dem chilenischen Institut für investigativen Journalismus sowie der kolumbianischen Stiftung Nuevo Periodismo, die Gabriel García Márquez einst ins Leben rief. Erhard Stackl, Lateinamerika-Kenner und früherer Chef vom Dienst beim Wiener Standard, ist der Herausgegeber. Stackl zufolge entstand die Crónica in Abkehr vom magischen Realismus, der, durch endlose Wiederholungen erschöpft, der Neuen Welt längst nicht mehr gerecht wurde: "Abseits alter Tropen- und Einsamkeitsklischees" tauchten die Journalisten nun "in die brodelnde Welt der Megacitys ein".

Tatsächlich knüpfen sie dabei an eine alte Tradition an, wie die Herausgeber der bei Suhrkamp erschienenen Sammlung, Carmen Pinilla und Frank Wegner, betonen - bei den Crónicas de Indias, den Sammlungen historischer Berichte, die seit dem 15. Jahrhundert "vornehmlich aus der Perspektive europäischer Kolonisatoren" entstanden. Inzwischen sei die Crónica aber das genaue Gegenteil, nämlich "Ausdruck einer selbstbewussten postkolonialen Haltung". Der Antrieb der Reporter ist laut Stackl immer ein aufklärerischer, demokratischer - "auch wenn sie damit das eigene Leben in Gefahr bringen".

Erhard Stackl (Hrsg.): iAtencíon! Die besten Reportagen aus Lateinamerika. Czernin-Verlag, Wien 2014. 208 Seiten, 19,90 Euro.

Auf der Strecke geblieben ist die Ideologie. Es gibt keinen revolutionären Impetus mehr wie einst bei dem Argentinier Rodolfo Walsh, der sich mit der Militärdiktatur anlegte und im Kugelhagel starb. Heute dominiert der brillante Zynismus des Argentiniers Martín Caparrós, der wie viele seiner Zeitgenossen aufgehört hat, sich von einer Weltanschauung Rettung zu erhoffen. Gefragt ist in dieser Welt, in der im neoliberalen Sinne längst jeder für sich und allein gegen alle kämpft, eher die "eigene kleine, pragmatisch einlösbare Utopie", wie Pinilla und Wegner schreiben. So eine findet der Reporter Caparrós auf Islote, dem am dichtesten bevölkerten Ort der Erde. Auf der künstlichen Insel in der Karibik leben 1087 Menschen neben- und übereinander auf der Fläche eines Hockeyfeldes. Aber sie wollen auch gar nicht anders leben, weil sie auf ihrem Riff aus Beton Ruhe haben vor Dieben, Priestern und Sandflöhen.

Wenn lateinamerikanische Reporter also längst so abgeklärt sind wie alle anderen - worin liegt dann das Besondere an ihren Schriften? Den Unterschied verortete Mario Vargas Llosa beizeiten im Grundton: Während nordamerikanische Kollegen dazu neigten, "auf ihren Protagonisten herumzutrampeln und sie zu verraten, um damit ihre eigene Schlauheit und Überlegenheit unter Beweis zu stellen", erweckten die Menschen etwa bei der argentinischen Starreporterin Leila Guerriero "Sympathie, Bewunderung, Zärtlichkeit und fast immer Solidarität", schrieb der Nobelpreisträger. Das ist ein tröstlicher Beleg dafür, dass die humanen Werte Lateinamerikas auch die brutalsten Überlebenskämpfe anscheinend unbeschädigt überstanden haben.

© SZ vom 21.04.2015
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB