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Land und Leute:Nicht Ost, nicht West

Die junge Autorin Xifan Yang hat ein ungewöhnliches Buch über Shanghai geschrieben. Sie schildert den Aufstieg ihrer Familie und den Chinas - und ihre persönliche Zerrissenheit.

Von Christian Y. Schmidt

Xifan Yang hat wirklich Glück. Ihr Großvater Peng Fangcong, die Hauptfigur ihres Buches, ist der sympathischste Mensch, den man sich vorstellen kann. Dazu ist er ein richtiger Tausendsassa. Ein leicht verrückter Erfinder, Komponist, Dichter und Sänger, der im Alter von achtzig Jahren noch bei einer Casting-Show in Peking vorstellig wird, um in der Neujahrsgala des chinesischen Fernsehens, der Show mit der höchsten Einschaltquote der Welt, aufzutreten.

Ein Quentchen Glück hatte Yang auch damit, dass sie auf Schleichpfaden an Opas streng geheime Kaderakten gelangte, die normalerweise selbst der Betroffene nicht einsehen darf. Dabei erfuhr sie, dass Großvaters Vergangenheit keineswegs so rosig war, wie es seine Gegenwart nahelegen würde. Wegen eines Gedichts wurde das KP-Mitglied nahezu zwanzig Jahre in ein Bergdorf verbannt, und hatte hier besonders während der Hochzeit der Kulturrevolution unter Malträtierungen und Schikanen zu leiden.

Arbeit(er) und Kapital: Blick auf den Finanzdistrikt von Shanghai.

In der ersten Euphorie nennt die Autorin Shanghai das "neue New York"

Der Großvater und die Tatsache, dass Yangs Buch nicht ausschließlich auf Erzählungen, sondern auch auf diesen Dokumenten beruht, heben es aus der Menge ähnlicher China-Bücher heraus. Hinzu kommt, dass Yang bereits im Alter von vier Jahren nach Deutschland kam und hier aufwuchs. So kann sie China und ihre chinesische Familie - der Fokus erweitert sich im Laufe des Buchs um ihre Onkel und Tanten - aus einer Perspektive beschreiben, die einzigartig ist: Einerseits gehört sie dazu, anderseits ist sie auch draußen.

Das ist wohl ein Grund, weshalb das Buch speziell für das deutsche Publikum so eingängig ist. Außerdem kann Yang gut schreiben. Mit großem Geschick verknüpft sie die Schicksale und Karrieren der Familienmitglieder so, dass sie sich zu einer Geschichte verdichten, in der sich die Phasen des wirtschaftlichen Aufstiegs Chinas höchst anschaulich widerspiegeln. Am Ende des Buchs haben es von den drei Kindern Peng Fangcongs, die in China geblieben sind, zwei geschafft, eine erstaunliche Karriere hinzulegen und es zu einigem Wohlstand zu bringen.

Xifan Yang: "Als die Karpfen fliegen lernten"

Eine Leseprobe stellt der Verlag hier zur Verfügung.

Wie sehr dieser wirtschaftliche Aufschwung auch die Selbstwahrnehmung der Chinesen verändert hat, erklärt Yang am Beispiel des vierten der Geschwister: ihrer eigenen Mutter. Galt diese Anfang der Neunzigerjahre noch als die absolute Gewinnerin in der Familie, nur weil sie es geschafft hatte, nach Deutschland auszuwandern, war sie 2006 in Großvater Pengs "Erfolgsranking" seiner Kinder auf den dritten Platz abgesackt. Mit ihrer schlecht bezahlten Halbtagsstelle in Freiburg konnte sie einfach nicht mehr mit den Daheimgebliebenen konkurrieren.

Im letzten Viertel gerät das Buch dann zusehends zur Autobiografie. Und obwohl Xifan Yang erst 27 Jahre alt ist, ist diese keineswegs belanglos. Besonders interessant ist zu beobachten, wie sich in dem Maße, in dem sich das Bild ihrer chinesischen Familie vom Westen wandelt, auch Yangs Chinabild verändert - nur in die entgegengesetzte Richtung.

Als Kind und Teenager hatte sie sich dafür geschämt, aus China zu stammen: "Ich wollte so ,deutsch' sein wie nur möglich." Trotz diverser Chinabesuche ändert sich an dieser Einstellung nichts. Erst als sie 2006 wieder einmal in Shanghai landet, erkennt sie, wie sehr sich die Stadt gewandelt hat. Aus einem grauen Häusermeer ist, wie sie findet, ein "neues New York" geworden, ein "Sehnsuchtsort", der einen "Vorgeschmack auf die Zukunft" bietet.

Xifan Yang, Als die Karpfen fliegen lernten. China am Beispiel meiner Familie. Hanser, 2015, 336 Seiten. 19,90 Euro. Als E-Book: 15,99 Euro.

Von nun an reist die junge Deutsche - Yang hat einen deutschen Pass - jeden Sommer durch das Land ihrer Geburt. Dabei stellt sie fest, dass die Dynamik, die sie in Shanghai beobachten konnte, ganz China ergriffen hat. Das Leben an ihrem Studienort München empfindet sie dagegen jetzt als langweilig; kommt sie aus China zurück, erleidet sie jedes Mal einen "Gemütlichkeitsschock". In Deutschland fällt ihr auch auf, wie sehr sich das Chinabild, das die deutschen Medien zeichnen, von der Realität unterscheidet: "Ich ärgerte mich über die platte Undifferenziertheit vieler Texte, das Halbwissen, was verbreitet wurde, und die Ressentiments, die daraus entstanden."

Aus diesem Kontrast zieht Yang 2011 schließlich ihre Konsequenz: Nachdem sie schon zuvor in den Journalismus hineingeschnuppert hatte, gibt sie ihr Studium auf, und zieht nach Shanghai, wo sie seitdem als freie Journalistin arbeitet. In "diesem Hybrid", so schreibt sie, "das nicht Ost ist und nicht West, fühlte ich mich endlich zu Hause."

Inzwischen hat sich Yangs anfänglicher Optimismus wieder abgekühlt. Ein Grund dafür ist auch der restriktivere Kurs, den die chinesische Regierung seit dem Amtsantritt von Staatspräsident Xi Jinping eingeschlagen hat. Die politische Liberalisierung, die Yang ebenso wie andere westliche Beobachter erwartet hatten, findet momentan nicht statt. Und so gibt sie im letzten Kapitel zu, ratlos zu sein, was die politische Zukunft Chinas angeht: "Heute schwanke ich zwischen Faszination und Niedergeschlagenheit."

Diese Zerrissenheit teilt Yang mit etlichen westlichen Chinabeobachtern und Ausländern, die in China leben. Und hier zeigt sich auch, was die Deutsche Xifan Yang von ihrer chinesischen Familie trennt. Denn diese ficht es nicht an, unter einer Regierung zu leben, die ihr bestimmte Freiheiten vorenthält. Ein Onkel verteidigt die Restriktionen, indem er die rapide Entwicklung Chinas mit der weniger schnellen im Rest der Welt vergleicht. Und Großvater Peng stellt das Heute in eine historische Perspektive "Ach, weißt du", sagt er der Enkelin, "China steht schon jetzt besser da als in meinen allerkühnsten Träumen".

Solche Ansichten bekommt man in deutschsprachigen Büchern über China eher seltener zu lesen; dass sie nicht geglättet wurden, auch das ist eine Stärke dieses Buchs.

Christian Y. Schmidt lebt als freier Autor in Peking und Berlin. Zuletzt erschien von ihm die Neuauflage des China-Buchklassikers: "Allein unter 1,3 Milliarden" im Kahl Verlag, Dresden.

© SZ vom 07.07.2015

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