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Kultur in der Krise:Bücher sind Grundversorgung

Lesen kann die perfekte Strategie in Notzeiten sein. Doch Buchhandel und Verlage leiden angesichts der Pandemie, weil Lesestoff nur noch schwer zugänglich ist.

Von Kia Vahland

Beim Lesen ist der Mensch allein, aber nicht einsam. Wer liest, ist in Gesellschaft seiner Romanfiguren oder der Protagonisten von Biografien, er oder sie kann sich den Bildern der Lyrik hingeben oder sich in die Gedankengebäude eines Sachbuchs vertiefen. Bücherlesen ist die perfekte Beschäftigung in Corona-Zeiten. Es hilft gegen Angst, weil es Abstand schafft. Und es schärft die Sinne und den Verstand, was nötig ist, um mit der Gegenwart fertig zu werden.

Doch es wird nicht mehr gelesen in Deutschland als vor der Pandemie, sondern mutmaßlich weniger, jedenfalls finden weniger neue Bücher in die Wohnungen. Mit Ausnahme von Berlin und Sachsen-Anhalt sind Buchläden in allen Bundesländern dicht. Bibliotheken stellen Ausleihen ein oder reduzieren sie. Sogar Amazon hat nun aufgehört, bei den Verlagen auf Vorrat zu bestellen, denn das Geschäft mit Nähmaschinen und Elektroware rechnet sich gerade fantastisch, da stören die günstigeren Bücher nur.

Ja, die vielen inhabergeführten Buchläden im Land liefern schnell und gerne frei Haus, aus Buchhändlerinnen werden gerade Fahrradkurierinnen. Aber ihnen fehlt die Laufkundschaft. Die Leute wissen nicht, was es alles zu kaufen gibt hinter den verriegelten Türen. Sich telefonisch beraten zu lassen, ist nicht dasselbe, wie zu stöbern, zu blättern, Zufallsfunde zu machen. Bücher geraten aus dem Auge, aus dem Sinn. Und Bibliotheken, die nur noch Onlineware im Angebot haben, helfen gelangweilten Schulkindern ohne eigenen PC auch nicht weiter.

Mit den Händlern kommen die deutschen Verlage ins Strudeln. Ihr Umsatz bricht ein. Viele bieten neue Werke vorerst nur noch als E-Books an oder verschieben lange geplante Titel gleich auf später. Manche Autoren sind darüber durchaus dankbar, denn Corona schluckt alle Aufmerksamkeit; wer noch über Bücher redet, gilt schnell als Nerd.

Der absehbare Niedergang der Branche ist gerade jetzt fatal. Lesen könnte eine Bewältigungsstrategie sein, es könnte den Leuten zu einer inneren Ruhe verhelfen, die sie in der Außenwelt nicht mehr finden. Dafür aber muss es leicht zugänglich sein. Warum in Bayern Schokoladen- und Weinhandlungen offen sind, Buchläden aber nicht, erklärt sich nur schwer. Zu Beginn der Schutzmaßnahmen durften vielerorts selbst so körpernahe Einrichtungen wie Schwimmbäder und Friseursalons länger betrieben werden als Büchereien und Buchläden.

Wenn kurz nach Ostern die erste Phase der Einschränkungen des öffentlichen Lebens auslaufen sollte, muss als Erstes der Lesestoff wieder überall unkompliziert verfügbar sein. Schließlich lässt sich das Geschäft vergleichsweise umsichtig betreiben: Man kann Verkäufer mit Glasscheiben schützen, die Zahl der Kunden in den Läden strikt begrenzen, kann unter Einhaltung der Distanzregeln einen Straßenverkauf organisieren. Bibliotheken können, wie einige das schon tun, Ausleihen in Papiertüten ausgeben, ohne dass Mitarbeiter und Nutzer sich nahe kommen. Und sie sollten jetzt schon mit ihren Digitalisaten großzügiger umgehen als bisher, damit Schüler und Studierende nicht länger unnötig aufgehalten werden.

Es ist schlimm genug, wenn Theater und Stadien geschlossen sind. Lesen aber macht so schnell nicht krank. Es ist die Kulturtechnik der Stunde.

© SZ vom 04.04.2020
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