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KSK:Genau hinschauen

Es ist es erfreulich zu sehen, wie klar Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer im aktuellen Fall reagiert - und eine Taskforce schickt, um das Kommando Spezialkräfte zu durchleuchten.

Müsste man raten, wo in der Bundeswehr die meisten rechtsextremen Vorfälle zu verzeichnen sind, würde man wohl vermuten: beim Kommando Spezialkräfte (KSK). Nicht, weil man Vorurteile hätte gegen alle tausend Mitglieder dieser Elitetruppe, die hohe Verantwortung und auch Last tragen. Sondern weil die Zutaten nicht nur für großen Mut, sondern leider auch für männerbündlerisches Deutschtümeln reichlicher gegeben sind als anderswo.

Das KSK besteht aus Soldaten, die viele Jahre miteinander verbringen. Sie sind im Gegensatz zu anderen Einheiten eine wirklich kämpfende Truppe. Sie werden zu Geiselbefreiungen und Anti-Terror-Einsätzen gerufen, oft unter Lebensgefahr, sie sind es deshalb gewohnt, bedingungsloser zusammenzustehen, autoritärer zu denken, und sie sind es gewohnt, Konflikte mit der Waffe zu lösen.

Rechtsextreme sind auch hier in der Minderheit. Aber Rechtsextreme werden von diesem Leben stärker angezogen. Naziverklärender Ungeist blüht unter diesen Bedingungen häufiger. Wenn man also überlegen müsste, wo in der Bundeswehr man am ehesten sehr genau hinsehen sollte, um zu prüfen, ob sich Rechtsextreme vom deutschen Staat an der Waffe ausbilden lassen, man würde sagen müssen: beim KSK. Ganz besonders nach den Skandalen der vergangenen Jahre.

Der KSK-Mann, der vor zwei Jahren verurteilt wurde, weil er auf einer internen Feier mit Rechtsrock und einer Prostituierten den Hitlergruß zeigte, war nicht irgendwer. Er war Kompaniechef. Und der KSK-Mann, der im vergangenen Jahr von sich reden machte, weil er unter dem Pseudonym "Hannibal" Chats betrieb, in denen Hitler-Bilder die Runde machten und von einem "Tag X" schwadroniert wurde, war ein Ausbilder.

Es ist schlicht unverständlich: Der Militärische Abschirmdienst (MAD), der genau die Aufgabe hätte, als Bundeswehr-Geheimdienst extremistische Bestrebungen in den Kasernen aufzuspüren, hat ausgerechnet beim KSK jahrelang nicht besonders genau hingesehen. 2017, nach der besagten Feier mit Rechtsrock und Hitlergruß, rief der Dienst sogar erst einmal bei "Hannibal" an und fragte nach seiner Meinung. Hinterher erklärte der MAD: Das sei nun mal "gegenwärtig" der einzige Informant, den man im KSK habe.

Jetzt sind bei einem anderen KSK-Mann Sprengstoff und Waffen zu Hause gefunden worden, das Gerät stammt offenbar teils aus Bundeswehrbeständen, obendrein fand man NS-Devotionalien. Weil er schon seit 20 Jahren beim KSK ist, kann man rätseln, wie viele Kameraden etwas wussten. Der MAD aber wusste offenbar nichts. Auch hat er nach ersten Hinweisen im Januar nur mit Verzögerung andere Behörden informiert. Das ist mindestens schwach, sehr schwach.

Nachdem die frühere Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen zunächst scharfe Worte für eine Kultur des Wegsehens in der Bundeswehr hatte, dann aber rasch wieder nachgab, ist es erfreulich zu sehen, wie klar ihre Nachfolgerin Annegret Kramp-Karrenbauer reagiert. Sie schickt ihren Staatssekretär und eine "Taskforce", um das KSK zu durchleuchten. Das ist ein Signal. Man stelle sich vor, ein Landesinnenminister würde seine rechte Hand schicken, um zu ermitteln, ob an einer bestimmten Kreuzung Autos zu schnell fahren, die Botschaft wäre genauso deutlich: Hier verschlafen die eigentlichen Zuständigen ihren Auftrag.

© SZ vom 29.05.2020
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