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Kriminalitätsbekämpfung:Freiheit in Fesseln

Seit zehn Jahren gibt es in Hessen das Konzept der Fußfessel: Das elektronische Gerät am Bein kontrolliert, ob Straftäter ihre Auflagen erfüllen. Die Fessel bestimmt ihr Leben - verändert es bei vielen aber auch zum Positiven.

Marc Widmann

Ob man sie einmal sehen kann? Aber klar, sagt Michael N., er ist ein höflicher Ganove. Er zieht das rechte Hosenbein hoch, rollt eine Socke runter und hervor kommt ein unscheinbares schwarzes Kästchen an dickem Gummiband. In den ersten zwei Wochen habe das Ding genervt, sagt Michael N., bei jeder Bewegung rieb es am Knöchel.

Elektronische Fussfessel

Vor zehn Jahren hat Hessen als einziges Bundesland die elektronische Fußfessel eingeführt.

(Foto: ddp)

Dann kam er auf die rettende Idee. Jetzt zieht er einen Socken unter seine Fußfessel, und einen drüber. Jetzt scheuert nichts mehr, und niemand auf der Straße sieht, dass dieser Mann vom Staat markiert ist. "Jetzt ist sie ein Teil von mir", sagt er.

Eigentlich müsste Michael N. hinter Gittern sitzen. Erst bestellte er sich unter falschem Namen eine ganze Wohnungseinrichtung im Internet, ohne zu zahlen. Dann, als er schon auf Bewährung war, löste er noch einen Scheck für seinen Bruder ein. Der Scheck stammte aus einem Einbruch. Zweieinhalb Jahre lautet das Urteil der ersten Instanz. Seine Freiheit bis zur Berufungsverhandlung verdankt der 27-Jährige nun dem schwarzen Kästchen. Diesem kleinen Sender, der ihn seit einem Jahr sekundengenau kontrolliert.

In seiner Wohnung steht der Empfänger dazu. Michael N. hat ihn in der Speisekammer versteckt, weil er die peinlichen Fragen seiner Besucher fürchtet. Punkt 19 Uhr musste der Altenpfleger anfangs zu Hause sein. Wenn der Empfänger ihn nicht pünktlich ortet, erstattet er Meldung an den Zentralcomputer, und der schickt sofort eine SMS an den 24-Stunden-Dienst der Bewährungshelfer. Eine Minute nach 19 Uhr klingelte dann schon das Handy von Michael N. "Das war echt heftig", sagt er. Oft ist er nach Hause gerannt, wenn er eine S-Bahn verpasste. Und trotzdem: "Lieber trage ich noch vier Jahre Fußfessel, als dass ich ins Gefängnis gehe."

Die letzte Chance für Täter

Hier draußen kann er seine Wohnung behalten, seinen Job, seine Freunde, mit denen er Fußball spielt. Schon die eine Nacht in Untersuchungshaft hat ihn erschüttert. "Das Licht hat die ganze Nacht gebrannt, das Bett war ein Steinblock und die Schaumstoffmatratze so dünn", sagt er und hält seine Finger nur wenige Zentimeter auseinander. Der junge Mann wirkt offen und weich, zu sanft für die Welt hinter Gittern. Hier draußen kann er guten Willen zeigen. Er hilft jetzt ehrenamtlich, wo er kann. Nur zur Feuerwehr geht er nicht mehr. Mit seinem Kästchen passt er nicht in die Stiefel.

"Die meisten mit Fußfessel arbeiten so engagiert, das können Sie sich gar nicht vorstellen", sagt Hans-Dieter Amthor. 14 Gefesselte betreut der Offenbacher Bewährungshelfer persönlich, jeden Verstoß bekommt er sofort auf den Tisch. An diesem Morgen hat ein junger Kerl seine Wohnung nicht pünktlich bis acht verlassen. Als der Kontrollanruf kam, schlief er noch und versprach, sich zu sputen. "In der Regel haben die Buben nur verschlafen", sagt Amthor.

Der Turnschuhe tragende Praktiker hat das Konzept der Fußfessel in Hessen mitentwickelt. Seit zehn Jahren ist die Fessel hier die "letzte Bewährungschance" für Täter. Sie soll nicht nur überwachen, sie soll das Verhalten ändern. "Es geht uns um Leute, die nie eine Struktur im Leben gehabt haben", sagt Amthor. Um Delinquenten, die weder sorgende Eltern noch einen Schulabschluss besitzen. Dafür zum Beispiel ein Messer, mit dem sie andere bedrohen.

Die Fußfessel zwingt sie in einen geregelten Tagesablauf, viele zum ersten Mal im Leben. Mindestens ein halbes Jahr wird sie umgeschnallt, je länger, desto größer sind die Erfolge, sagt Amthor. Er achtet darauf, dass seine "Probanden" mindestens fünf Stunden am Tag einer sinnvollen Tätigkeit nachgehen. Haben sie keinen Job, besorgt er ihnen eine soziale Arbeit. "Wir wollen die Leute erziehen", sagt der Bewährungshelfer. Und erzählt von einer Frau, die fast 25 Jahre lang Drogen nahm und vom Staat lebte, bis sie unlängst ihren ersten Gehaltscheck bekam. Sie war stolz auf sich. "Da sehen Sie wirklich, dass sich etwas bewegt", sagt Amthor.

So zufrieden der Sozialarbeiter von seinen Erfahrungen erzählt, so skeptisch klingt er bei einem aktuellen Thema. An diesem Dienstag und Mittwoch diskutieren die Justizminister der Länder, ob die Fußfessel eines ihrer größten Probleme lösen kann: Dutzende Schwerverbrecher müssen wegen eines europäischen Gerichtsurteils bald aus der Sicherungsverwahrung entlassen werden, obwohl sie rückfallgefährdet sind. "Wenn die rauskommen, haben wir ein dickes Problem", sagt Amthor, der gern Klartext spricht, weil ihn seine Klienten so am besten verstehen. Ist die hessische Fußfessel die Antwort? "Das können Sie vergessen."

Für diese Täter kämen allenfalls andere Geräte in Betracht, sagt er. Solche mit dem Satellitenortungssystem GPS. "Damit man sofort feststellen kann, wo sich jemand die Fußfessel abmacht." Per GPS ließe sich auch kontrollieren, ob sich ein Kinderschänder von Schulen und Spielplätzen fernhält. Absolute Sicherheit aber könne auch eine solche Fessel nicht garantieren. "Ein Sexualstraftäter kann auch zu Hause ein Kind vergewaltigen", sagt Amthor. Und GPS funktioniert nicht überall. Deshalb könne das nur ein Teil eines Sicherheitskonzepts sein.

Auch Michael N. sieht das so, der Gefesselte. Er jedenfalls hätte nichts dagegen, wenn er per Satellit kontrolliert würde. "Dann könnte man nachvollziehen, dass ich nirgendwo einbreche", sagt er. Kürzlich hatte der Offenbacher ein unangenehmes Erlebnis. Mitten in der Nacht ging seine Fußfessel kaputt. Der Verschluss war ausgeleiert, 14 Alarmmeldungen erreichten den Bereitschaftsdienst in einer halben Stunde, bis er Michael N. entnervt die Anweisung gab, die Fessel auszuziehen. "Die Nacht war grausam für mich", sagt der junge Mann. Ihn plagte nur noch ein Gedanke: "Hoffentlich kriege ich morgen keinen Ärger."

© SZ vom 22.06.2010

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