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Korea:Viele Fotos, viele Tränen

Die erste Umarmung seit 65 Jahren: Bei einer Familien­zusammen­führung sehen greise Südkoreaner Verwandte aus dem Norden. Die Treffen gelten als Barometer für die Beziehung der beiden Koreas.

Von Christoph Neidhart, Tokio

Am Kumgang-Berg auf der Nordseite der innerkoreanischen Grenze sind am Montag 89 ältere Südkoreaner eingetroffen, um etwa 180 Nordkoreaner zu treffen - Angehörige, die sie seit 1953 nicht mehr gesehen haben. Der Waffenstillstand, durch den der Koreakrieg endete, hatte die Familien damals überrascht und getrennt. Sie hatten seither keinerlei Kontakt, weder per Brief noch telefonisch, das gibt es zwischen den beiden Koreas bis heute nicht. Viele wussten nicht einmal, welche Verwandten noch am Leben sind. Überwacht von Nordkoreas Geheimpolizei dürfen sie sich bei den kurzen Treffen nun tränenreich ihre Leben erzählen, die meisten haben dazu Fotos mitgebracht. Am Montag gewährte man ihnen zwei Stunden, am Abend gab es ein gemeinsames Bankett. An diesem Dienstag sollen die Familien zusammen in ihren Hotelzimmern essen dürfen, das gab es bei früheren Treffen nie. Am Mittwoch aber müssen die Südkoreaner zurück. Der Abschied dürfte schwer sein: Sie wissen, dass sie die Verwandten wohl nie wieder sprechen werden.

Viele der 89 Südkoreaner, die mit Bussen vom Städtchen Sokcho an der Ostküste nach Norden gebracht wurden, sind gebrechlich. Sie gehen am Stock oder sind auf den Rollstuhl angewiesen. Manche sagten, sie seien so aufgeregt, dass sie nicht geschlafen hätten. Einige Frauen tragen Hanbok, die traditionelle koreanische Tracht. Im Schnitt sind die Teilnehmer 90 Jahre alt, die jüngste ist 70, der älteste 101. Sie wurden aus 56 000 Bewerbern ausgelost, die noch nahe Verwandte im Norden haben. Südkoreas Register zählte einst 136 000 auseinandergerissene Familien, doch die Zahl nimmt jährlich um etwa 3500 ab, die Betroffenen sterben. Früher begegneten bei diesen Treffen greise Väter und Mütter ihren gealterten Kindern; heute sind es eher Cousins und Cousinen, Neffen und Nichten und selten Geschwister.

Lee Keum-seom (Mitte) ist 92 – und sieht ihren in Nordkorea lebenden, 71 Jahre alten Sohn Ri Sang Chol nun das erste Mal seit 1953 wieder.

(Foto: Lee Ji-eun/AP)

Begleitet werden die Südkoreaner von ein bis zwei Verwandten, die sie unterstützen. Eine junge Koreanerin, die vor einigen Jahren eine Tante begleitet hatte, erinnerte sich später, das Treffen habe sie sehr irritiert. Während die Alten von Gefühlen übermannt wurden, habe sie den unbekannten Verwandten aus dem Norden nichts zu sagen gehabt. Die Südkoreaner werden im Vorfeld instruiert, welche Gesprächsthemen zu meiden seien, damit ihre Angehörigen nicht in Schwierigkeiten geraten.

Am Kumgang-Berg, der nur etwa 20 Kilometer von der Grenze entfernt liegt, hat der Norden mit Geld aus Seoul vor knapp 20 Jahren ein Tourismuszentrum für Besucher aus Südkorea eingerichtet. Im vorigen Jahrzehnt reisten eine Million Menschen aus dem Süden an den Kumgang. Dann wurde dort 2008 eine südkoreanische Touristin erschossen, die sich in eine Militärzone verirrt hatte. In der Folge stoppte Seoul diese Reisen.

Die beiden Koreas haben seit 1985 in unregelmäßigen Abständen immer wieder getrennte Familien zusammengeführt, seit der Jahrtausendwende etwa 20 Mal am Kumgang. In den letzten drei Jahren war das Programm ausgesetzt. Die Treffen gelten als Barometer für die innerkoreanischen Beziehungen. Die haben sich seit den Olympischen Winterspielen deutlich verbessert, vielleicht waren sie noch nie so gut. Zur Zeit bereiten Seoul und Pjöngjang den nächsten Gipfel vor. Ihre Militärs reden über Entspannungsmaßnahmen entlang der verminten Grenze, es gibt Pläne zur Verknüpfung der Eisenbahnnetze. Nordkorea braucht vor allem Wirtschaftszusammenarbeit und Investitionen. Die kann Seoul nicht leisten, solange Washington auf den Sanktionen besteht, mit denen es Pjöngjang zur Denuklearisierung zwingen will. Die Annäherung ist deshalb fragil.

Besuch aus USA

Der amerikanische Außenminister Mike Pompeo wird womöglich noch diese Woche zum vierten Mal nach Pjöngjang fliegen, wie Sicherheitsberater John Bolton am Sonntag im Fernsehen sagte. Im direkten Gespräch mit Machthaber Kim Jong-un soll er den Druck erhöhen, damit Nordkorea sich rascher denuklearisiert. Kim habe eingewilligt, binnen eines Jahres atomar abzurüsten. Der Entspannungsprozess zwischen Washington und Pjöngjang ist in den vergangenen Wochen ins Stocken geraten. Die USA werfen Kim vor, er lasse weiterhin Nuklearbrennstoff produzieren. Derweil bezichtigt Pjöngjang die USA der Feindseligkeit. Ihr Festhalten an Sanktionen sei keine Basis für freundschaftliche Beziehungen. Pompeo sagte im Kabinett einen "baldigen großen Schritt" voraus. Christoph Neidhart

Südkoreas Präsident Moon Jae-in hat Nordkorea am Montag dazu aufgerufen, die Familientreffen wegen des hohen Alters der Teilnehmer zu institutionalisieren und häufiger durchzuführen. Das Beziehungsbarometer zeigt weiter positive Werte: Bereits am Freitag soll das nächste Treffen folgen.

© SZ vom 21.08.2018

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