Konzert in Chemnitz Schrei nach Heimat

Die Konzertnacht war emotional und ansteckend. Aber sie kann nur ein Anfang sein. Die Emotionen, die die Künstler transportierten, müssen sich im Alltag bewähren.

Von Iris Mayer

Nach acht dunklen Tagen, in denen hasserfüllte Rechtsradikale Stimmung und Schlagzeilen beherrschten und ein ganzes Land über das vermeintliche oder tatsächliche Versagen von Politik und Polizei stritt, hat die Zivilgesellschaft ihr Versprechen eingelöst: "Wir sind mehr". Am Montagabend fand die bis dahin schweigende oder leise gebliebene Mehrheit in Chemnitz ihre Stimme wieder, es waren 65 000 Stimmen. Gerechnet hatten die Veranstalter mit weniger als der Hälfte. Diese kollektive Begeisterung kann eine Initialzündung sein, auch für andere Städte, auch für andere Bundesländer. Und so könnte Chemnitz, wenn es ganz gut geht, auch zum Vorbild werden. Das ist ein mutiger Wunsch.

Emotionen sind leichter zu teilen als ein politischer Standpunkt. Zumal wenn sie von Songzeilen transportiert werden wie denen der Band Kraftklub, die das Benefizkonzert in ihrer Heimatstadt auf die Beine gestellt hatte und sang: "Ich komm' aus Karl-Marx-Stadt, bin ein Verlierer, Baby, original Ostler!" Emotion ersetzt nicht das politische Argument, nicht die politische Auseinandersetzung. Aber Emotion kann der Anfang sein für Engagement, der Anfang dafür, sich nicht nur ein paar Stunden bei einem Konzert zu bekennen gegen Rassismus und Hass.

Die Kraftklub-Erzählung von Herkunft und Heimat macht Heimat weder zum Stigma noch zur Entschuldigung. Sie haftet nicht im volkstümlichen Hansi-Hinterseer-Land, sie belehrt nicht von oben herab, sondern sie vereint Lebensgeschichte und Emotion. Es gibt ein Gefühl, auf das sich die zerrissene Stadt Chemnitz und das empörte Land einigen können: Dieses Gefühl ist Sorge. Sorge um Sachsen - sei es aus Angst vor kriminellen Ausländern oder vor kriminellen Rechtsradikalen. Sorge um die Demokratie und den inneren Frieden.

Menschen, die sich übergangen fühlen, sind unempfänglich für komplexe und unbequeme Wahrheiten, das schrieb der New Yorker Journalismusprofessor Jay Rosen dieser Tage. Und es gibt - nicht nur, aber besonders im Osten - viele Menschen, die sich übergangen fühlen. Die sächsische Integrationsministerin Petra Köpping wird nicht müde zu erzählen, wie häufig ihr bei Gesprächen landauf, landab der Wunsch begegnet: "Integriert doch erst mal uns." Es stellen sich nicht nur Menschen in der rechten Ecke die Frage: Wie viel Heimat finde ich noch in meinem Land?

Die beim Konzert geweckten Emotionen müssen sich noch bewähren

Und wer hört zu? Wenn die Sorge um die Heimat geteilt wird, wenn man nach gemeinsamen Rezepten gegen Entfremdung sucht, kann diese Sorge ein Anfang, eine Basis für Gespräche sein. Man kann gegen die Entheimatung auch ansingen und anbrüllen, wie das beim Chemnitzer Konzert geschehen ist. Aber dass es damit getan ist, glaubt niemand. Wenn die Toten Hosen und Die Ärzte gemeinsam den "Schrei nach Liebe" in die Stadt schicken, dann kann das ein Urschrei sein, der Politik und Gesellschaft dazu bringt, die Sorge zu hören und mit dem Rechtsradikalismus entschlossener, klarer, nachhaltiger umzugehen als bisher. Sonst verhallt auch der lauteste Schrei.

Es ist gut, wenn eine Phalanx von Künstlern, Unternehmern und Intellektuellen jenseits des Politikbetriebs erkennt, dass man kollektive Emotionen nicht denen überlassen darf, die sie in Angst und Hass umwandeln. Heimat will erzählt werden - nicht nur unter der Prämisse, was sie bedroht, sondern vor allem, was sie ausmacht. Der Rapper Trettmann, aufgewachsen im Plattenbaugebiet Fritz Heckert, reimt: "Fast hinter jeder Tür lauert ein Abgrund. Nur damit du weißt, wo ich herkomm'." Über diese Abgründe zu erzählen und über sie zu klagen, kann Heimat, wenn auch als etwas Prekäres, erfahrbar und fühlbar machen.

Aber es lauert ja nicht hinter jeder Tür ein Abgrund. Hinter vielen Türen in Chemnitz leben Menschen, die sich für andere engagieren, die Hass keine Chance geben, die sich für diejenigen einsetzen, die von Rechtsextremisten durch die Stadt gejagt werden und selbst in Gefahr sind, von ihnen gejagt zu werden. Sie sind es, die Heimat in Chemnitz schaffen. Wenn das in Chemnitz gelingt, so kann das auch in Saarbrücken, Duisburg-Marxloh und in Mönchengladbach gelingen.

Die Künstler, die in der Nacht von Chemnitz aufgetreten sind, hatten es leicht. Sie gingen dorthin, wo ihnen der Beifall ziemlich sicher war. Und auch das Publikum ging dorthin, wo man sich unter Gleichgesinnten wusste. Das ist das Privileg von Künstlern, das ist das Besondere solcher Konzerte. Sie können in den Alltag ausstrahlen, Mut und Kraft für Konfliktsituationen geben. Aber sie können den Alltag nicht dauerhaft überstrahlen, nicht ersetzen. Die beim Konzert geweckten Emotionen müssen sich noch bewähren.

Es war wichtig, sich selbst zu vergewissern im "Wir sind mehr" von Chemnitz. Aber danach muss ein "Wir hören zu" folgen. Wenn es in Chemnitz gelingt, die Abgründe und die Gräben zu verkleinern, dann gelingt es überall.