Konzernumbau Radikalkur für Siemens

Vorstandschef Joe Kaeser will eine völlig neue Konzernstruktur und einen Großteil des Geschäfts aus dem Ausland steuern lassen. Die Münchner Zentrale soll "deutlich schlanker" werden.

Von Caspar Busse

Ein größerer Teil der Siemens-Geschäfte soll künftig aus dem Ausland heraus geführt werden. "Mehr als 50 Prozent der Geschäfte werden ihre Hauptverwaltung außerhalb Deutschlands haben", kündigte Siemens-Chef Joe Kaeser am Donnerstag an. Er präsentierte einen radikalen Umbau des Konzerns, der zuvor vom Aufsichtsrat beschlossen worden war. Künftig wird es insgesamt noch sieben Bereiche geben. Die neue Sparte Energie wird in den USA, in Houston, Texas, angesiedelt, das Geschäftsfeld "Smart Infrastructure" in Zug in der Schweiz. Die Windenergie-Tochter Siemens-Gamesa wird aus Spanien geführt, der Zughersteller Siemens-Alstom soll vom nächsten Jahr an seine Zentrale bei Paris haben. Es ist bereits die vierte grundlegende Umstrukturierung innerhalb von zehn Jahren. Die Aktie verlor zwischenzeitlich fünf Prozent.

Die einzelnen Siemens-Bereiche werden künftig deutlich mehr Eigenständigkeit erhalten und auch internationaler sein, betonte Kaeser. Bislang wurde Siemens sehr zentral und bürokratisch geführt, war deshalb schwerfällig und langsam. Nun soll das Unternehmen schneller werden. Die Hauptverwaltung in München mit derzeit insgesamt 40 000 Mitarbeitern werde "deutlich schlanker". Viele werden also neue Aufgaben erhalten. Ob auch Stellen abgebaut werden, ist noch offen.

"Siemens ist gegenwärtig in einer sehr starken Position", behauptet Kaeser. Man sei "wieder groß", also "great again" - und das seien auch keine "fake news", betonte Kaeser in Anspielung auf die Rhetorik des amerikanischen Präsidenten Donald Trump, den der Siemens-Chef erst im Januar in Davos getroffen hatte. Dies solle durch den Umbau auch so bleiben, deshalb müsse sich Siemens nun ändern; Geschwindigkeit und Wucht der globalen Veränderungen würden zunehmen. "Nicht die größten Unternehmen werden überleben, sondern die anpassungsfähigsten", sagte Kaeser. Er bezieht sich damit auch auf den langjährigen Konkurrenten, den US-Konzern General Electric (GE), der zu groß wurde und nun vor der Aufspaltung steht. GE sei für Siemens ein mahnendes Beispiel; der Konzern sei an seiner eigenen Hybris gescheitert, heißt es in München. Das dürfe Siemens nicht passieren.

Mit der Umorganisation will Kaeser auch verhindern, dass sein Unternehmen in das Visier aggressiver Investoren gerät. Diese Kapitalgeber sind derzeit auf der Suche nach Unternehmen, an denen sie sich beteiligen und die sie dann radikal umbauen - mit dem Ziel, am Ende an einer Zerschlagung zu verdienen. Das Essener Traditionsunternehmen Thyssenkrupp ist derzeit ein Beispiel dafür. Diese Entwicklung müsse man ernst nehmen, so Kaeser, und ihr letztlich zuvorkommen.

Die Arbeitnehmervertreter warnten, Siemens dürfe keine reine Holding werden. Das könnte vielmehr den Weg für eine Zerschlagung ebnen, so die IG Metall. Wie Siemens bauen auch andere Konzerne um: Der Autozulieferer Continental etwa gibt sich eine neue Struktur, Daimler will künftig drei rechtlich selbständige Einheiten schaffen. Bayer hat ganze Bereiche wie das Kunststoffgeschäft an die Börse gebracht und abgestoßen.