Konflikt in der Ukraine:Schreckensherrschaft in der Volksrepublik Donezk

Victory Day celebrations in Donetsk

Unterstützer der selbsternannten Volksrepublik Donezk bei einem Marsch zum "Tag des Sieges" in Donezk.

(Foto: dpa)

Entführungen, Folterungen, Morde - die Separatisten im Osten der Ukraine scheuen vor keinem Mittel zurück, um politische Gegner und unabhängige Berichterstatter einzuschüchtern. Die Beispiele sind mannigfaltig.

Eine Reportage von Florian Hassel, Donezk

Die Bühne der Rebellen steht zwischen der ersten und zweiten Barrikade. Seit die prorussischen Separatisten in Donezk, der Schlüsselstadt im Südosten der Ukraine, den Sitz von Gouverneur und Regionalregierung stürmten, haben sie das Gebäude zur Festung umgebaut.

Drei Wälle aus Sandsäcken und Autoreifen, Betonbrocken und Stacheldraht sollen einen Sturm erschweren, sollte die ukrainische Armee sich entschließen, Donezk der Kontrolle der Separatisten zu entreißen. Aber von der ukrainischen Armee fehlt in Donezk jede Spur, und deshalb können die Separatisten auch an diesem Abend wieder auf der Bühne gegen "die Faschisten in Kiew" und die "Kinder des Teufels" wettern.

Die Losungen sind nicht neu, der Beifall der etwa 200 Zuhörer ist mäßig, als ein Ruf ertönt: "Eine Gasse! Macht eine Gasse frei!" Vorbei an Polizisten und am diensthabenden Priester der orthodoxen Kirche schleppen acht maskierte Separatisten einen jungen Mann an allen Vieren vorbei. Er ist vielleicht 30 Jahre alt, mit modisch geschnittenen dunkelblonden Haaren; seine Hände sind mit einem Kabelbinder aus Plastik gefesselt. Über die Wangen laufen ihm die Tränen, in seinen Augen steht Todesangst.

"Auf die Bühne mit ihm!", ruft der Redner. Dort wird der junge Mann geschlagen und sein Verbrechen präsentiert: Er hat Flugblätter gegen die Separatisten und das von ihnen geplante Referendum zur Abspaltung von der Ukraine verteilt. "Provokateur!" und "Tötet ihn!" rufen die Zuhörer, als die Maskierten den jungen Mann von der Bühne und ins Innere des Gebäudes zerren. Es ist der 6. Mai, 18.25 Uhr. Willkommen in der von den Separatisten ausgerufenen "Volksrepublik Donezk".

Victory Day celebrations in Donetsk

Bei den Feierlichkeiten zum "Tag des Sieges" in der selbsternannten "Volksrepublik Donezk" jubeln viele den prorussischen Kräften zu.

(Foto: dpa)

Maskierte mit Maschinenpistolen im fünften Stock

Diese Republik besteht bisher vor allem aus dem von ihnen besetzten Regierungssitz der Region mit seinen elf Etagen. Viel regiert, verwaltet oder wirtschaftlich gefördert wird dort aber nicht. Im zweiten Stock sitzt die Abteilung Agitation und Propaganda, im neunten Stock residieren das "Spezialkommando Delta" und die "Aufklärung", im achten Stock werden per Plakat "Freiwillige für die Neutralisierung und Vernichtung" von "Euro-Verbrechern" gesucht, darunter stehen Fotos von Übergangspräsident Alexander Turtschinow und sieben anderen Kiewer Politikern. Im fünften Stock wird vier Mal täglich das Auseinandernehmen und Zusammensetzen von Waffen trainiert - wenn dafür gerade Zeit ist. Denn die Bewaffneten aus dem fünften Stock sind viel beschäftigt.

Alexander Sementschenko kann davon erzählen: Er ist ein schlanker Mann, mit schwarzer Lederjacke zu Jeans und roten Lederschuhen, und seit den vergangenen Tagen raucht er noch mehr als sonst. Sementschenko gehört in der Nähe von Donezk zur lokalen Führung einer demokratischen Partei, und seit März hat er mehr schlecht als recht versucht, proukrainische Demonstranten in Donezk vor angreifenden vermummten Prorussen zu verteidigen. Als er am 1. Mai im Stadtpark mit Freunden auf die Einheit der Ukraine trinkt, entführen ihn sechs Separatisten, verprügeln ihn und bringen ihn ins Hauptquartier - in den fünften Stock.

Dort sieht Sementschenko, der selbst eine militärische Ausbildung hat, "Dutzende Maskierte mit Maschinenpistolen und Scharfschützengewehren, tragbaren Raketenwerfern und Panzerfäusten", wie er berichtet. "Ich wurde geschlagen und mit dem Tod bedroht." Einen Tag später verlegen die Separatisten ihn ins ebenfalls besetzte Fernsehzentrum - auch dieses "wimmelt vor Schwerbewaffneten".

Besuch von Vermummten

Sementschenko hat Glück. Seine Entführung wird ruchbar, Bekannte mit Kontakten zu den Separatisten und zum Nationalen Sicherheitsrat der Ukraine arbeiten an einem Austausch gegen Separatisten, die von ukrainischen Sicherheitskräften gefangen genommen worden waren.

In den Zimmern nebenan werden weitere Entführte gefangen gehalten, unter ihnen die Bergleute Alexander Gurow und Alexander Wowka. Gurow, bekennender Anhänger einer einigen Ukraine, hat in Nowogrodowka, 40 Kilometer nordwestlich von Donezk, die über dem Rathaus wehende Fahne der Separatisten eingeholt - und wurde von ihnen entführt. Er wird schwer geschlagen und gefoltert.

Fünf Tage nach seiner Entführung werden Alexander Sementschenko, die Bergleute und drei weitere Menschen am 6. Mai gegen festgenommene Separatisten ausgetauscht und freigelassen. Bergmann Gurow berichtet in Kiew über etliche Bewaffnete mit russischer Sprachfärbung und zeigt seine Wunden vor - nach seiner Darstellung haben die Separatisten versucht, ihm mit einer Glasscherbe seine "Ruhm der Ukraine!"-Tätowierung aus der Haut zu schneiden.

Sementschenko ist noch in Donezk - die Süddeutsche Zeitung hat seinen Namen deshalb geändert. Auch sein Vater hat Besuch von vermummten Separatisten bekommen. "Wenn ich ihnen ein zweites Mal in die Hände falle, komme ich nicht so glimpflich davon", sagt er. Sprecher der Separatisten reagieren nicht auf Anfragen der SZ nach einem Kommentar zu den Entführungs- und Misshandlungsvorwürfen.

Entführungen als Mittel der Einschüchterung

Auch Tote hat es schon etliche gegeben. Das erste Opfer in Donezk starb schon am 13. März: Damals erstach ein vermummter Separatist bei einer Kundgebung für eine einige Ukraine den 22 Jahre alten Dmitrij Cherniawskij. Menschenrechtler und lokale Infodienste meldeten im Donbass für die Zeit vom 15. April bis 4. Mai mindestens 74 Entführungen durch die Separatisten. Darunter waren auch drei inzwischen ausgetauschte Offiziere des ukrainischen Geheimdienstes SBU oder die sieben am 3. Mai wieder freigelassenen OSZE-Militärbeobachter.

Die überwältigende Mehrheit der Entführten aber sind demokratische Lokalpolitiker, Pro-Maidan-Aktivisten, Journalisten oder Polizeibeamte, die sich weigern, zu den Separatisten überzulaufen.

Die meisten Entführten werden am Ende freigelassen, doch Dutzende sind vermisst. Schon im April wurden drei Entführte mit Folterspuren tot aufgefunden. "Diese Morde waren Schlüsselmorde, um andere einzuschüchtern und davon abzuhalten, den Separatisten weiter Widerstand zu leisten", sagt Oleg Weremijenko von der Ukrainischen Helsinki-Gruppe. "Allein in Slawjansk sind weitere 15 Menschen entführt worden, ihr Schicksal ist ungewiss."

Aufgeheizte Atmosphäre durch Fernsehen und Fotos

Die Wut der Rebellen wurde durch die 46 Toten von Odessa und die manipulative Berichterstattung des russischen Staatsfernsehens weiter geschürt: Der bei den Separatisten rund um die Uhr laufende Kanal Rossija 24 zeigte nur die Bilder der im Gewerkschaftshaus von Odessa verbrennenden Separatisten - nicht aber verzweifelte Versuche, die vom Feuer Eingeschlossenen zu retten. Auch der Auslöser der Gewalt, bewaffnete Angriffe der Separatisten auf eine friedliche Pro-Ukraine-Kundgebung, blieb unerwähnt.

Die Kiewer Übergangsregierung ist nicht unschuldig an der aufgeheizten Atmosphäre: Unterschiedslos bezeichnet sie alle Separatisten als "Terroristen". Fotos von durch Militär oder Geheimdienst festgenommenen, nackt ausgezogenen Separatisten zeugen von einer Entmenschlichung auch auf dieser Seite des Konflikts.

Gefahr für Politiker und Journalisten

Gleichwohl wirkt das Vorgehen der Separatisten im Südosten nicht wie eine spontane Reaktion, sondern wie eine geplante Terrorkampagne. Die Hinweise dafür sind so vielfältig wie grausam: Binnen zehn Tagen werden in der Region Donezk vier Politiker der nationalistischen Swoboda-Partei entführt. In Donezk verwüsten maskierte Bewaffnete die Zentrale der Udar-Partei Wladimir Klitschkos. In Krasnij Liman in der Nähe von Slawjansk wird am 7. Mai Walerij Sado, ein Maidan-Aktivist und Führer der proukrainischen Bewegung Proswita, von maskierten Bewaffneten entführt - tags darauf findet man seine verbrannte Leiche. In Kramatorsk verschwindet am 6. Mai Wassilij Nesterenko, der der ukrainischen Armee Lebensmittel brachte. Seinen Wagen raubten die Separatisten, woraufhin er sie bei der Polizei angezeigt hatte.

Auch diejenigen, die über die Methoden der Separatisten berichten, sind zusehends in Gefahr. Roman Lazorenko, Chefredakteur des populären Donezker Infodienstes 62.ua, bekam Ende April Besuch von acht teils maskierten Separatisten. "Sie forderten mich auf, die Redaktionspolitik zu ändern, nur noch positiv über die 'Republik Donezk' zu berichten und ihr Spendenkonto bei der russischen Sberbank zu veröffentlichen." Lazorenko weigerte sich . Nach weiteren Drohungen hat er Donezk inzwischen mit Frau und Kindern verlassen. "Die Redaktion ist geschlossen, bisher improvisieren wir und arbeiten weiter", sagt er.

Auch die unabhängigen Infodienste Nowosti Donbassa (ND) und Ostro arbeiten nicht mehr in ihren Donezker Redaktionen. Dem ND-Chefredakteur wurde der Wagen angezündet. Ostro-Chef Sergej Garmasch fuhr am Montag zum Übernachten auf seine Datscha, weil ihm die Wohnung in Donezk nach Drohungen nicht mehr sicher erschien.

"Als ich mich mit zwei Freunden zum Abendessen setzte, zersplitterte das Fenster und Unbekannte schossen auf uns." Garmasch und seine Freunde löschten das Licht - und schossen aufs Geratewohl ins Dunkel zurück, "um zu zeigen, dass auch wir Waffen hatten". Die Attentäter fuhren weg - Garmasch floh nach Kiew. "Die Rebellen haben die Jagd auf alle eröffnet, die nicht ihrer Meinung sind", sagt er.

Lugansk kapituliert

Das gilt nicht nur für Donezk. In der Nachbarregion riefen Separatisten unter dem "Volksgouverneur" Walerij Bolotow am 28. April die Volksrepublik Lugansk aus und begannen tags darauf, Verwaltungssitze, Polizeireviere oder Fernsehsender zu besetzen.

Victory Day celebrations in Ukraine

Auch in Lugansk gibt es Feiern zum "Tag des Sieges" - der kleine Junge schwenkt die Fahne der Separatisten.

(Foto: dpa)

Igor Chodowskij, ein bekannter Anwalt und juristischer Berater von Maidan-Aktivisten, verließ seine Kanzlei - und wurde von vier maskierten, bewaffneten Separatisten erkannt.

Die Rebellen zwangen Chudowskij in seinen Wagen, stiegen hinten ein und befahlen, zur Polizeizentrale zu fahren. "Du wirst vor uns gehen und die Polizisten auffordern, sich zu ergeben", verlangten sie von ihm. Der Anwalt weigerte sich. Als er versuchte, aus dem fahrenden Auto zu springen, schossen ihm die Rebellen zwei Mal in den Rücken und zerrten ihn zurück ins Auto.

Chudowskij hatte Glück im Unglück: An anderer Stelle überredeten Polizeioffiziere die Rebellen, den Schwerverletzten freizugeben. Im Krankenhaus stellten die Ärzte fest, dass eine Kugel das Herz nur um Haaresbreite verfehlt hatte. Der durchtrainierte Anwalt verfügt zudem über eine kräftige Konstitution. "Mein Mann ist mittlerweile drei Mal operiert worden", sagt seine Frau Irina. "Er ist außer Lebensgefahr, aber es wird mindestens ein halbes Jahr dauern, bis er halbwegs gesund ist."

Während Freunde und Kollegen Genesungswünsche und fehlende Medikamente schickten, hat laut Irina Chudowskaja keine Regierungsstelle auf den Mordanschlag auf ihren Mann reagiert. "Unser von Kiew eingesetzter Gouverneur hat sich krankgemeldet - und der Staat in Lugansk kapituliert."

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