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Kommentar:Kulturkampf, global

Daraus entstehen Wahrnehmungsdifferenzen, die sich kurzfristig kaum beseitigen lassen. Für beide Seiten stehen Ehrenpunkte auf dem Spiel: Im Westen die in generationenlangen Kämpfen errungene Freiheit der Meinungsäußerung, darüber hinaus die Trennung von religiöser und politischer Kultur. Für die islamische Welt nicht nur religiöse Empfindungen, sondern ein gekränkter Stolz, der viel mit tiefsitzenden Unterlegenheitsgefühlen zu tun hat.

Im Inneren der beteiligten Gesellschaften des Westens kommen kurzfristig schwer lösbare soziale Probleme hinzu, Erfahrungen mit Armut, Chancenlosigkeit und Zurücksetzung, die muslimische Einwanderer machen. Auf der Bühne der Weltpolitik sorgen der jahrzehntelange Konflikt um Palästina und nun die iranische Atompolitik für zusätzlichen Brennstoff.

Demokratisierung ist der einzige Ausweg

All das lässt sich fast beliebig emotionalisieren, auch politisieren, nur schwer beruhigen. Das bedrohlichste Element der neuen Konfliktlage ist die Religion. Religionskriege konnten auch in Europa nur schwer befriedet werden, der schrecklichste von ihnen, der Dreißigjährige Krieg, musste regelrecht ausbrennen, bevor man ihn formell beenden konnte. Wo Gefühle und nicht Interessen regieren, sind Kompromisse schwer möglich, und das ist der beunruhigendste Aspekt der sich abzeichnenden Situation.

Für jede Politik bedeutet sie einen Albtraum, und zwar auch für die Despoten, die heute noch die meisten arabischen Länder regieren, aber den Scharfmachern in ihren Gesellschaften immer mehr Konzessionen machen müssen.

Der einzige Ausweg, der auf Dauer Rettung verspricht, ist die Demokratisierung der islamischen Gesellschaften. Doch sie stellt eine Aufgabe für Generationen dar, die sich nur unter heftigen Konvulsionen bewältigen lassen wird, denn freie Wahlen werden in fast allen islamischen Ländern erst einmal zum Sieg fundamentalistischer Parteien führen.

Der Westen ist in dieser Lage gut beraten, sich nicht in Selbstgerechtigkeit zu ergehen - nicht weil er Unrecht hätte, sondern weil Rechthaben in der heutigen Weltlage wenig hilft. Moderieren, abkühlen - das ist die Aufgabe. Im Inneren der westlichen Gesellschaften aber muss die Integration der Immigranten endlich zu einem der zentralen Politikfelder aufsteigen.

Der Weddinger Schulhofstreit hat zuletzt gezeigt, wie ein verantwortungslos aufgebauschter Konflikt durch sorgfältige Berichterstattung wieder entschärft werden kann. Der Fall ist ein Beispiel, das Mut machen sollte.