Kolumne Verborgen

Ausgrenzung kommt manchmal laut daher. Man kann andere aber auch mit Taten mundtot machen.

Von Carolin Emcke

Im Dorf gibt es keine Juden mehr", schrieb der ungarische Schriftsteller Szilárd Borbély in seinem erschütternden Roman "Die Mittellosen", "das heißt: es gibt sie, aber man spricht nicht darüber. Man tut so, als gäbe es sie nicht. Es gibt einen Juden, aber der ist auch keiner mehr". Die Ablehnung von Jüdinnen und Juden lässt sich mittels verschiedener perfider Techniken artikulieren: über sie nicht mehr zu sprechen, so zu tun, als gäbe es sie nicht, die, welche jüdisch sind, einfach so zu leugnen, dass sie sozial gleichsam aufhören zu existieren - das ist nur einer der Mechanismen der schleichenden Exklusion. Eine gröbere und brutalere Form ist es, Zonen der Angst und der Unsicherheit auf Plätzen und Straßen zu erzeugen, wo Menschen, die Kippa tragen, verbal oder physisch angegriffen werden. So wird es nach und nach für Juden zu einem Risiko, sich in der Öffentlichkeit zu bewegen. Sie werden gedrängt, sich zu fragen, ob es sicherer wäre, sich zu verleugnen.

Die Stadt Budapest kürzt dem Orchester die Mittel, ganz ohne Absprache. Zufall?

Es gibt andere Spielformen des Antisemitismus, die Jüdinnen und Juden beschädigen und ausgrenzen, ohne sich selbst als offen judenfeindlich zu erklären, ja, ohne Juden überhaupt zu erwähnen. Dafür reicht es schon, einzelne Praktiken zu stigmatisieren, die jüdische Gläubigkeit oder Identität markieren. Da wird dann einfach in Parteiprogrammen gegen die rituelle Beschneidung (die Brit Mila) agitiert oder mit Verbot gedroht. Ohne explizit zu machen, wem damit untersagt werden soll, seine eigenen Vorstellungen des guten und richtigen Lebens, seinen eigenen Glauben leben zu dürfen: eben Juden (und Muslimen). Diese Form des Ausgrenzens von Jüdinnen und Juden funktioniert gleichsam über Bande, indem sie nicht gegen das Judentum selbst hetzt, sondern nur Praktiken und Überzeugungen infrage stellt, die mit jüdischer Identität und jüdischem Leben unverbrüchlich verbunden sind. Kritik an dieser indirekten Judenfeindlichkeit wird gern abgewehrt mit dem Verweis darauf, es ginge angeblich gar nicht um das Judentum.

Eine besonders simple wie machtvolle Form, Juden auszugrenzen oder zum Schweigen zu bringen, besteht darin, ihnen schlicht die ökonomische Grundlage zu entziehen - und damit ihren Wirkungsraum einzuschränken oder gleich ihre Existenz zu gefährden. So ereilte das von dem Dirigenten Iván Fischer geleitete Budapest Festival Orchestra vergangene Woche die Nachricht einer Mittelkürzung durch die Stadt Budapest, die laut Erklärung auf der Homepage des renommierten Orchesters immerhin 200 Millionen Forint, rund 638 000 Euro (und damit etwa 23 Prozent des Gesamtetats) ausmacht. Natürlich sind künstlerische Budgets immer volatil. Natürlich können städtische Subventionen sich auch einmal verringern. Aber in diesem Fall wurde die Streichung des Etats mitten im laufenden Jahr und ohne vorherige Verhandlungen beschlossen. In einem Appell wandte sich Iván Fischer in Ungarn an die Öffentlichkeit, um über die dramatische Situation für das Orchester zu informieren. Schon jetzt ist gewiss, dass das BSO sein geplantes Programm nicht wird durchführen können. Einige der vorgesehenen Konzerte in Budapest und eine europäische Tournee werden nach ersten Schätzungen wohl abgesagt werden müssen.

Ist das nur eine harmlose Sparmaßnahme? Dazu muss man wissen, dass Iván Fischer sich nicht nur als exzellenter Dirigent ausweist, dass es sich beim BSO nicht nur um einen international gefragten Klangkörper handelt, sondern dass Fischer sich immer wieder öffentlich gegen die rechtspopulistische Regierung Viktor Orbáns und das fremdenfeindliche Klima der Angst gewendet hat, das sie mit erzeugt und duldet. Seine Familie hat Fischer deswegen schon vor einer Weile nach Berlin geholt, weil er, so erzählte es Fischer jüngst der Neuen Zürcher Zeitung, seine Kinder nicht in einem solchen geschichtsvergessenen und intoleranten Umfeld aufwachsen sehen wollte.

Vielleicht richtet sich die Mittelkürzung der Stadt Budapest also gegen den wortgewaltigen Künstler Fischer als Kritiker - da wäre er nicht der erste. Immer wieder trifft es in Ungarn Künstlerinnen und Künstler, die gegen die Einschränkung der Bürgerrechte, gegen fragwürdige Mediengesetze oder gegen den revisionistischen Nationalismus protestieren.

Prominentestes Beispiel für kritische Künstler, die plötzlich ihren Vertrag nicht verlängert bekommen oder ihres Postens enthoben werden, ist Róbert Alföldi, der Regisseur und ehemalige Intendant des ungarischen Nationaltheaters, der flugs durch einen regimenahen Nachfolger ersetzt wurde.

Vielleicht hat es nun in Iván Fischer eben den nächsten getroffen, der für seine politische Haltung bestraft wird. Nicht, indem ihm sein Amt entzogen wird, sondern indem seinem Orchester massiv die Gelder gekürzt werden.

Vielleicht hat die rigide Einschränkung der Finanzen aber auch damit zu tun, dass Fischer bereits im Jahr 2014 eine Konzertreihe initiierte, in der er mit dem Orchester in ungarischen Synagogen musiziert. So reisen Fischer und das BSO kreuz und quer über das Land und spielen immer wieder in runtergekommenen, verfallenen Synagogen, den stummen Zeugen des Holocaust. 600 000 ungarische Juden, darunter Fischers Großeltern, wurden damals deportiert und in deutschen Vernichtungslagern ermordet.

Iván Fischer will mit den Synagogen-Konzerten die Erinnerung an das ehemals blühende jüdische Leben wieder erwecken und zugleich ein Zeichen setzen für ein offenes, humanes Miteinander im heutigen Ungarn, in dem nur noch etwa 80 000 Jüdinnen und Juden leben. Offiziell hat die Sparmaßnahme beim Budapest Festival Orchester natürlich nichts mit diesem Engagement zu tun. Eine absichtsvolle Ausgrenzung von Juden lässt sich nicht nachweisen. Es trifft eben nur zufällig den Dirigenten eines Orchesters, der sich für die Sichtbarkeit der jüdischen Geschichte in Europa einsetzt, der nicht so tut, als gäbe es keine Juden mehr im Dorf, sondern der über sie spricht und ihnen wieder eine soziale Wirklichkeit gibt.