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Kolumne:Theater

Emcke, Carolin

Carolin Emcke, 51, ist Autorin und Publizistin. 2016 erhielt sie den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.

Besuch im Westjordanland: Die einen suchen Ablenkung, die anderen werfen ein paar Hundert Meter weiter Steine.

Von Carolin Emcke

Die Aufführung verzögert sich. Noch immer stehen Zuschauer auf den Gängen und suchen einen Sitzplatz im restlos ausverkauften Saal. 736 Menschen passen offiziell hinein, aber das schert niemanden heute Abend. Längst schon haben sich junge Paare auf den Treppenstufen zwischen den Reihen niedergelassen, Familien mit fein herausgeputzten Kindern lassen rotieren, wer vom Boden und wer von einem gepolsterten Sessel aus das Stück verfolgen darf, und das Einlasspersonal schlängelt sich mit Stühlen durch die Trauben von aufgeregten Schulklassen hindurch und ist bemüht, es wenigstens dem älteren Theaterpublikum noch halbwegs bequem zu machen.

Das legendäre "Globe Theatre" macht Station in Ramallah. Über zwei Jahre ist das Ensemble aus London mit Shakespeares "Hamlet" auf Tour, in jedem Staat der Welt wollen sie Menschen mit der Geschichte des zaudernden Prinzen berühren, und auch wenn es keinen palästinensischen Staat gibt, so treten sie doch im Kulturpalast von Ramallah im Westjordanland auf. Seit 1902 liegt eine arabische Übersetzung des Stücks vor, neun Jahre später, 1911, wurde der "Hamlet" erstmals in Gaza aufgeführt. Aber heute wird im englischen Original gespielt und es läuft eine Übertitelung mit arabischer Synopsis.

Inmitten eines eskalierenden Konflikts gehen Palästinenser ins Theater, gespielt wird "Hamlet"

Vorab gibt es noch eine Schweigeminute "für die, die ihr Leben verloren haben" in diesen furchtbaren Tagen. Das ist der einzige Hinweis darauf, dass an diesem Theaterabend irgendetwas ungewöhnlich sein könnte, dass inmitten eines eskalierenden Konflikts Palästinenser ins Theater gehen und Shakespeare sehen wollen. Die Zuschauer erheben sich wie zu einem lästigen Ritual. Dann geht es los.

Mohammed weiß nichts von "Hamlet". Er weiß auch nichts vom "Globe Theatre". Eine Stunde bevor dort der erste Aufzug beginnt, zieht Mohammed die schwarze Vermummung vom nass geschwitzten Gesicht. Das ist seine Art der Kostümierung auf dieser so ganz anderen Bühne. Der 25-Jährige steht am Checkpoint von el-Bireh und reibt sich die rußgeschwärzten Hände. Drei Finger an der rechten Hand sind umwickelt mit nicht mehr weißen Pflastern. Die braucht er, damit ihm die Schlinge nicht zu früh entgleitet, die Schlinge, mit der er Steine auf israelische Soldaten auf der anderen Seite des Checkpoints schleudert. Im Hintergrund der Kulisse brennen Barrikaden aus Gummireifen, die Mohammed und die anderen jungen Männer angezündet haben, damit die Rauchwolken einen Sichtschutz vor der israelischen Armee bilden. Im Vordergrund stehen drei Krankenwagen bereit, um diejenigen abzutransportieren, die von Gummigeschossen verletzt werden, aber im Moment regnet es vor allem Tränengas. Das Publikum besteht aus Fotografen in kugelsicheren Westen und ein paar Mädchen, die sich gegen den Reizstoff Kufija-Tücher ihrer Brüder umgebunden haben.

Dass ihm jemand von außerhalb zuhören möchte, scheint Mohammed nicht gewohnt zu sein. Dass ihm jemand widerspricht und die Gewalt nicht gutheißt, allerdings schon. Seine Mutter musste er belügen, bevor er morgens von Hebron aufgebrochen ist nach Ramallah. Sie lehnt diese Form des Widerstands ab. Jeden Tag kommt er trotzdem hierher. Jeden Tag bringt er Kleidung zum Wechseln mit, damit seine Mutter nicht am Ruß erkennen kann, wo er war. Mit den Messerattacken der letzten Wochen will Mohammed nichts zu tun haben, aber explizit verdammen will er sie auch nicht. Er spricht ruhig, ohne Zorn. "Es spielt doch keine Rolle, wie sehr wir uns individuell oder als Gesellschaft anstrengen, wie sehr wir verhandeln", sagt Mohammed und faltet seine wollene Gesichtsmaske ordentlich zusammen, als sei es ein gebügeltes Hemd, "das hat zu nichts geführt". Ob denn die Steine wirklich zu etwas führten, ob sie nicht lediglich die Repressalien und Gegengewalt verschärften? "Vielleicht führt es zu nichts. Aber dann haben wir wenigstens gezeigt, dass wir nicht einverstanden sind mit der Besatzung." Für Mohammed ist dies ein Protest ohne Aussicht oder Strategie. Die Gewalt darin taugt nicht als Instrument des Fortschritts, nur als Geste der Dissidenz.

Mohammed und seine Freunde hier gehören keiner Partei und keiner Miliz an. Ihr Protest ist führungslos und ist doch auch nicht bloß individuell. Sie organisieren sich über das Internet, und was sie eint ist keine religiöse Überzeugung, sondern die Erfahrung von Ohnmacht. "Wir alle haben jemanden in der Familie, der einmal verhaftet wurde oder jemanden, der getötet wurde", erklärt Mohammed und zeigt auf die stetig sich vergrößernde Gruppe hinter ihm, "das hat uns mobilisiert."

"Und unsere eitlen Streiche beweisen ihm nur unseren bösen Willen, ohne ihm wirklich etwas anzuhaben", sagt Marcellus im Hamlet des "Globe Theatre" als spräche er nicht nur über einen Geist hier drinnen, sondern zu Mohammed da draußen. Als könnten die fiktiven Figuren von der einen Bühne denen auf der anderen zuflüstern. Welches Schauspiel an diesem Tag realer oder surrealer ist, lässt sich kaum sagen, sie existieren nebeneinander, nur wenige Hundert Meter entfernt, eine asynchrone Parallelität. Dabei begeistern sich die Zuschauer im Kulturpalast gar nicht unbedingt für jene Szenen, in denen sich ihre Situation in den besetzten Gebieten spiegeln lässt, nicht die großen Monologe des Hamlet, sondern vor allem die heiter-geistreichen Wortspiele von Polonius werden dankbar bejubelt.

"Es ekelt sie zu handeln", schrieb Friedrich Nietzsche in "Die Geburt der Tragödie" über hamlet-ähnliche Menschen, "sie empfinden es als lächerlich oder schmachvoll, dass ihnen zugemutet wird, die Welt, die aus den Fugen ist, wieder einzurichten." Vielleicht ekeln sich die Zuschauer des Hamlet nicht vorm Handeln. Aber viele hier ekelt der Wendekreis der Gewalt, in dem sie leben. Vielleicht empfänden sie es nicht als schmachvoll, die Welt, die aus den Fugen ist, wieder einzurichten. Womöglich glauben sie nur einfach nicht mehr, dass sie es könnten. Aber ganz gewiss wollen sie sich nicht vor Angst die letzte Freude nehmen lassen. Ins Theater zu gehen, das ist ihre Form der Dissidenz.

© SZ vom 31.10.2015

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