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Kolumne:Neue Karte

Emcke, Carolin

Carolin Emcke, 51, ist Autorin und Publizistin. 2016 erhielt sie den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.

Deutschland braucht ein neues nationales Leitbild. Wie immer es aussehen mag, es sollte Raum lassen für das Unbekannte, das noch nicht Entdeckte. Eine Landkarte bildet den Raum nicht nur ab, sie strukturiert ihn.

In seinem wunderbaren Buch "Geschichte der Welt in zwölf Karten" beschreibt der englische Renaissance-Forscher Jerry Brotton das Bruchstück einer 2500 Jahre alten Tafel, die im British Museum in London ausgestellt ist. Auf der unteren Hälfte des Fragments aus Tonerde ist ein Ring aus zwei konzentrischen Kreisen eingraviert, der in Keilschrift mit dem Wort "marratu" ("bitteres Wasser", also Ozean) beschriftet ist, innen finden sich verschiedene kleinere Kreise und ein leicht gebogenes Rechteck, das ein waagrechtes Rechteck kreuzt: der Euphrat, der durch Babylon fließt. Auch der "Berg", in dem der Euphrat entspringt, ist verzeichnet, ebenso wie der "Sumpf", in den er mündet. Es ist dies die sogenannte babylonische Weltkarte, die älteste schematische Darstellung der Welt, entstanden um 600 vor Christus.

Das Schönste an der babylonischen Weltkarte ist, dass sie auch jene Regionen verzeichnet, die jenseits des Ozeans liegen, der das eigene Land umfasst. Für diese imaginären Räume außerhalb der bekannten Welt finden sich auf der Tafel Dreiecke, die an den äußeren Kreis anschließen und in verschiedene Richtungen zeigen. Sie enthalten nicht nur wundersame Mutmaßungen über Entfernungen im Unbekannten (sechs Meilen zwischen den Orten, "an denen die Sonne nicht zu sehen ist"), sondern auch Verweise auf allerlei Tiere (Chamäleons, Affen, Strauße, Zebus, Löwen und Wölfe).

Eine Landkarte bildet den Raum nicht nur ab, sie strukturiert ihn

Schon an der babylonischen Weltkarte lässt sich der existenzielle Kern allen Kartografierens erkennen: "der anscheinend grenzenlosen Weite der bewohnten Welt Struktur zu geben," so Jerry Brotton, "ihr eine Art von Ordnung aufzuerlegen." Eine Karte bildet in diesem Sinn keineswegs den Raum einfach nur ab, sie strukturiert ihn. Eine Karte organisiert die Welt, die sie darstellt, sie überträgt eine Landschaft, ihre Dörfer, Flüsse, Seen und Berge, ihre Infrastruktur aus Straßen und Brücken in eine Analogie aus Zeichen und Text. Eine Karte hat notgedrungen immer eine bestimmte Perspektive, die festlegt, was erfasst wird und was nicht. Sie bestimmt Zentrum und Peripherie, so wie sie die Himmelsrichtung setzt. Wie die Dreiecke auf der fragmentarischen Karte von Babylon kann sie vielleicht auf den noch unentdeckten Raum verweisen, auf das jenseits des Gewussten, aber sie bleibt dabei doch unabgeschlossen.

Einem ähnlich offenen, kartografischen Projekt hat sich nun das Bundesinnenministerium unter Minister Thomas de Maizière (CDU) verschrieben. Es will ein "Nationales Bündnis für Migration und Integration" organisieren - offensichtlich, um die Deutungsmacht rechtspopulistischer Hetzer in der Debatte über Einwanderung und (In-)Toleranz zu brechen. Ein solches Bündnis soll das öffentliche Bewusstsein für die nötige und erwünschte Einwanderung (nicht zuletzt von Fachkräften) reanimieren. Ein bisschen spät, ließe sich einwenden. Aber immerhin. Die Initiative wurde umgehend begrüßt vom "Rat für Migration", einem Zusammenschluss von mehr als 100 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus verschiedenen Disziplinen, die schon im Januar dieses Jahres eine Debatte über ein anderes "Leitbild" für Deutschland gefordert hatten. "Nach dem Vorbild traditioneller Einwanderungsländer brauchen wir ein republikanisches Leitbild," so die stellvertretende Direktorin des Berliner Instituts für empirische Integrations- und Migrationsforschung, Naika Foroutan, "an dem sich ausnahmslos alle Bürger orientieren können."

Was kann damit gemeint sein: ein anderes "Leitbild"? Welche Sorte von historisch-fiktiver Erzählung von dieser Gesellschaft könnte es sein, an der sich alle orientieren und in die sich alle einschreiben können? Wenn ein "Nationales Bündnis" eingesetzt wird, eine Art Kommission also, aus welcher Perspektive werden Erinnerungen und Hoffnungen, Erfahrungen und Visionen von ihr vermessen? Welche Normen und Werte gelten als unverfügbar, welche als erneuerbar?

Vielleicht würde es helfen, einen solchen Dialog über das eigene kulturelle Selbstverständnis jenseits der Kategorien von Identität und Differenz zu führen. Vielleicht wäre es nützlicher, über Ähnlichkeiten nachzudenken. Das setzte voraus, das pseudointegrative Spiel des Authentischen aufzugeben, das vor allem in Gesprächssendungen im Fernsehen so beliebt ist, wo Juden vornehmlich dann eingeladen werden, wenn sie über den Holocaust oder Israel sprechen sollen, Muslime über Terror oder Integration, Geflüchtete über ihre Flucht und Schwule und Lesben über Sex. Wie gut gemeint diese Diskurs-Anordnung sein mag, sie suggeriert eine fragwürdige "Echtheit" der Identität, die mit der realen Vielfalt innerhalb und zwischen Gruppen und Individuen nichts zu tun hat.

Vielleicht würde es helfen, einen solchen Dialog über das eigene Selbstverständnis vor allem als Übersetzungs-Arbeit zu verstehen: Es müssten die vielfach nur wiederholten Begriffe und Normen in lebenspraktische Erfahrungen und Sehnsüchte übersetzt werden, nicht zuletzt damit die ältere Generation die Ähnlichkeiten in Flucht und Vertreibung, Verlust und Neuanfang zwischen sich und den jüngeren Einwanderern erkennen kann und umgekehrt. Aber auch damit womöglich die Ähnlichkeiten des Glaubens oder Trauerns oder Liebens zwischen denen aufscheinen, die sich für gänzlich verschieden halten. Es müssten die Geschichten und Bilder, mit denen Gruppen und Individuen aufgewachsen sind, übersetzt werden in Geschichten und Bilder, die für andere verständlich sind.

Ein solches Leitbild, wie eine Landkarte, kann nur im Bewusstsein erstellt werden, dass es das, was es abbildet, gleichzeitig konstruiert, es kann nur ein Mittel zur Orientierung sein, aber eines, das notgedrungen unvollständig und unfertig bleibt. Was immer der initiierte Diskurs über die Einwanderungs-Gesellschaft vermessen mag, es sollte Raum für Dreiecke des Unbekannten bleiben, Raum für das, was jenseits des Ozeans liegt, für das, was noch nicht entdeckt ist, aber gleichwohl dazugehört zur Welt.

© SZ vom 01.08.2015

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